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Politikverdrossen? Politikverschossen! - Junge Politiker gegen Desinteresse und Stammtischparolen
Vincenz Wissler ist 17 Jahre alt und besucht die Walter-Eucken-Schule in Freiburg. Im kommenden Jahr möchte er eine Lehre zum Bankkaufmann beginnen. Ein ganz normaler Jugendlicher also, wäre da nicht Vincenz’ Engagement bei der Jugendorganisation der FDP, den Jungen Liberalen (Julis). Angenervt von abgedroschenen Stammtischparolen und ständigem Gemotze über die bestehenden Verhältnisse, entschied er sich schon mit 14 Jahren, selbst aktiv zu werden und auf die Interessen seiner Generation aufmerksam zu machen.
Auch für die ebenfalls 17-jährige Julia Söhne ist der Wunsch, die Zukunft ihres Landes mitzugestalten, Grund für ihre Mitarbeit bei den Jungen Sozialisten (Jusos), der Jugendabteilung der SPD: „Man kann sich fragen: Will ich später Studiengebühren bezahlen, oder nicht? Ist einem die Umsetzung der Antwort wichtig, sollte man sich dafür einsetzen.“ Sie weiß um den Vorteil, Ziele gemeinsam im Rahmen einer Organisation zu verfolgen: „In der Gruppe kann man viel mehr erreichen als alleine.“
Dem stimmt auch Johanna Liebl zu. Die 18-Jährige ist Vorsitzende der Schülerunion Freiburg, einer Organisation des Freiburger CDU Kreisverbands. Den Vorwurf, ein Einzelner könne sowieso nichts ändern, kann sie verstehen, aber nicht teilen. Wer sich über „die Politik“ beschwert, muss sich in ihren Augen auch für Verbesserung einsetzen: „Nur wer sich engagiert, darf kritisieren.“
Kritisiert wird immer viel. Atompolitik, Eurokrise und Streitthemen wie Stuttgart 21 haben die Politik viel Vertrauen gekostet. Engagieren – und sich so womöglich die Finger verbrennen – wollen sich da die wenigsten. Das merkt auch Julia oft: „Engagement kommt bei jungen Menschen nicht gut an. Es wirkt uncool.“ Auch Vincenz stößt in seiner Klasse nur selten auf Zustimmung, umso häufiger aber auf Unverständnis. Hat er doch mal Klassenkameraden bei einem Gespräch zum Thema am Haken, stimmen die zwar manchmal zu, schalten ihre Ohren aber leider schnell auf Durchzug. „Viele zeigen Verständnis, aber keinen Wunsch nach Tiefgang“, vermutet der FDPler.
Und genau da liegt das Problem. Der Zugang zur Politik fällt den meisten Jugendlichen schwer. Sieht man sich Interviews mit Spitzenpolitikern im Fernsehen an oder verfolgt eine Debatte im Bundestag, „fliegen einem Wörter um die Ohren, die kein Mensch versteht“, meint Vincenz. Frustriert wendet man sich lieber wieder dem Fußballverein oder MTV zu.
Dass eine eigene politische Meinung wichtig ist, bekräftigen alle drei Jungpolitiker. Politisches Engagement fängt dort an, wo sich Menschen über Themen informieren und sich selbst ein Bild machen. Für Johanna ist die Sache klar: „Wir müssen den Jugendlichen wieder zeigen, dass dieses Engagement keine vergeudete Zeit ist.“
Für Florian Bernschneider war sein politisches Engagement bei der FDP ganz sicher keine vergeudete Zeit. 2009 wurde er mit gerade einmal 22 Jahren für seine Heimatstadt Braunschweig in den Deutschen Bundestag gewählt und ist seither dessen jüngstes Mitglied. Warum hat er sich für die Politik entschieden? „Die politischen Entscheidungen, die man heute trifft, werden für künftige Generationen – also auch für mich – zum Grundstein.“ Seine politische Laufbahn begann der heute 24-Jährige in der SMV seiner damaligen Schule, ein Start, den er auch anderen engagierten Nachwuchspolitikern empfiehlt: „Für einen ersten Schritt in Richtung politischer Aktivität halte ich das für eine gute Variante.“ Der Sprung von der Schulbank ins Parlament gelang ihm nach seinem Abitur 2006 in nur drei Jahren. Mit einem Durchschnittsalter von fast 50 Jahren ist der Deutsche Bundestag nicht gerade ein Jugendtreff. Wie wurde er angeschaut, als er das erste Mal Platz nahm? „Natürlich bin ich anfangs komisch beäugt worden. Aber am Ende des Tages zählt meine Stimme genauso viel wie die eines 50-jährigen Abgeordneten. Außerdem machen wir Jungen unsere Arbeit gut – das verschafft Respekt.“
Dass leider wenige seiner Altersgenossen damals und heute seine Begeisterung teilen, muss der Abgeordnete oft erfahren. In seinem Wahlkreisbüro können sich Bürger direkt an ihn als ihren Repräsentanten im Parlament wenden. Eigentlich eine klasse Möglichkeit für Jugendliche, auf eigene Probleme und Bedürfnisse aufmerksam zu machen – wenn sie jemand nutzen würde. „Ich bekomme fast nur Nachrichten von Menschen jenseits der 60. Wenn niemand unter 20 sich meldet, braucht man sich nicht zu wundern, wenn die eigenen Interessen nicht berücksichtigt werden“, erzählt der Bundestagsabgeordnete ernüchtert.
Fest steht: ob in der Schule, im Gemeinderat, oder in der Hauptstadt; es braucht junge Menschen, die für sich und ihre Generation einstehen. Auch wenn mehr Einsatz auch manchmal schmerzliche Einschnitte bedeutet. Unter anderem weil ihr Engagement für die Julis so viel Zeit frisst, musste Julia erst vor Kurzem aus ihrem Handball-Verein austreten. Vincenz sagt des Öfteren mal einen Geburtstag ab, wenn eine Sitzung der Julis ruft. Und auch Johanna weiß nicht, ob sie ihre Mitarbeit für immer aufrechthalten kann. Dennoch bereut keiner der drei die Entscheidung, politisch aktiv zu sein. Und auch bei Florian macht der Spaß an seiner Arbeit die Tatsache, dass er fast keine Zeit mehr für Hobbys hat, mehr als wett. „Außerdem bleibt manchmal trotzdem noch Zeit, mit meinen Kumpels um die Häuser zu ziehen.“ Na dann: auf nach Berlin!
Kontakt:
julis-freiburg.de
jusos-freiburg.de
junge-union-freiburg.de
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