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Leute & Leben

Mitbewohner statt Mutter – Leben eines Freiburger Schülers in einer WG

Wenn der Vater mit dem Sohne: Nur Fußball im TV, überall Bierdosen und das Abendessen bringt der Pizzadienst? So könnte man sich ein von Männern dominiertes Leben in einer Wohngemeinschaft vorstellen. Dass das nicht so sein muss, zeigen Axel und Karl-Luis, Vater und Sohn, die gemeinsam mit Errol, Veronika und dem Kater Einstein in einer Freiburger WG leben.

 
 

Die Wohnungstür öffnet sich langsam, und schon der erste Blick lässt viele Vorurteile verschwinden. Die Empfangsatmosphäre ist freundlich, helles Licht erleuchtet die weißen Wände, keine Spur von Bierdosen oder alten Pizzaresten. Alleine der riesige LCD-Fernseher und die herumliegenden Boxhandschuhe lassen erahnen, dass hier überwiegend Männer leben. Oder trügt der erste Eindruck und Veronika – die einzige Frau mit freiem Zugang zum Haus – übernimmt alle Hausarbeiten?


„Wir Männer können auch selbst Verantwortung übernehmen“, meint der 52-jährige Tänzer Errol. „Jeder kümmert sich um sein eigenes Revier und einmal in der Woche kommt eine Putzfrau“, erklärt der Witzbold der Alternativ-Familie. Er lebt erst seit drei Monaten zusammen mit den WG-Gründern Axel und Karl-Luis. Bei einem Abendessen entwickelte sich eine Freundschaft, die beiden boten ihm kurzerhand ein Zimmer in der Männer-WG an.

„Eine Mutter, die jeden Tag da ist, fehlt mir nicht, denn mein Vater ist sozusagen ‚die männliche Hausfrau‘ und meine ‚weibliche Bezugsperson‘ in einem“, lacht Karl-Luis. Der 15-jährige Schüler war elf, als sich seine Eltern trennten und er sich entschied, bei seinem Vater Axel zu bleiben. Seine Mutter lebt weiterhin in der Nähe – auch in Freiburg – und kommt manchmal zu Besuch. Da Axel ganztags arbeitet und er nicht wollte, dass sein Sohn rund um die Uhr allein in der großen Wohnung ist, entschied sich der 55-Jährige, so viele Jungs wie möglich ins Haus zu bringen. Die Idee der Männer-WG war geboren.

Freunde von Karl-Luis übernachten unter der Woche bei den beiden und manchmal auch die ganzen Ferien über. Sie genießen die lockere und brüderliche Atmosphäre bei ihrem Freund. Und durch die WG finden sie, obwohl sie alle auf unterschiedliche Schulen gehen, an Wochenenden oder in den Ferien immer wieder zusammen. „Heute gehören die Jungs eigentlich schon zur Familie und wissen, dass sie jederzeit herzlich willkommen sind“, erklärt Papa Axel.

Streitsituationen zwischen den Mitbewohnern sind eine Seltenheit. Sie necken sich oft, was aber ihr gutes Verhältnis nur noch bestärkt. Der enorme Zusammenhalt in der Patchwork-Familie und das organisierte Leben beweisen, dass es also auch ohne Mama geht. Ganz auf Frauen wollten die drei aber auch nicht verzichten. Veronika wohnt in einer Einliegerwohnung im Parterre des Hauses mit direkter Verbindung zum Männerreich: „Die Männer halten alles erstaunlich sauber und über das Essen kann ich mich auch nicht beklagen, denn jeden Tag gibt es etwas Neues und Leckeres“, sagt sie erfreut.

Nur ein Vorurteil lässt sich anscheinend nicht streichen: „Abends schauen die Jungs nur Fußball – da ziehe ich mich dann doch lieber wieder in meinen Bereich zurück.

 
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