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Leute & Leben

„Wir sind nur geduldet“

Senad Berisa ist 18 Jahre alt und seit 2005 in Deutschland. Er lebt hier in Freiburg in einem Flüchtlingswohnheim – Senad ist ein im Kosovo geborener Roma: Er besitzt zwar eine Aufenthaltsgenehmigung, aber keinen deutschen Pass, und frei bewegen kann er sich hier auch nicht. f79-Autorin Svenja Lampe hat sich mit ihm im Jugendtreff „Haus 197“ in Littenweiler getroffen und mit ihm darüber gesprochen, wie es ihm in Freiburg gefällt, was es für ihn bedeutet, ein Roma zu sein, und wie er sich seine Zukunft vorstellt.

 
 
f79: Hi Senad, trifft man dich oft hier im Haus 197?
Senad: Ja, jeden Montag. Ich bin gerne hier, es macht mir Spaß. Hier können wir Billard spielen, können an die Computer und treffen uns mit Freunden. Außerdem werden wir hier in Sachen Ausbildung, Bewerbungen und Lebenslauf unterstützt.
f79: Bleiben wir beim Stichwort Freunde, wie setzt sich dein Freundeskreis zusammen?
Senad: Ich bin mit vielen Roma befreundet, habe aber aus der Reinhold-Schneider-Schule auch noch deutsche Freunde.
f79: Gibt es denn Unterschiede zwischen Deutschen und Roma? Was bedeutet es für dich, ein Roma zu sein?
Senad: Das kann ich nicht so genau sagen, darüber hab ich noch nie wirklich nachgedacht, für mich ist es selbstverständlich, Roma zu sein. Natürlich leben wir etwas anders als ihr Deutschen, in meiner Familie sind alle Muslime und wir leben streng nach dem Koran. Mein Vater geht jeden Freitag in die Moschee und eigentlich sollte ich, genau wie er, dreimal am Tag beten – doch irgendwie vergesse ich das immer. So mit 25, wenn ich erwachsen bin und Kinder habe, werde ich das auch so ernsthaft machen wie mein Vater.
f79: Wirst du oft mit Vorurteilen konfrontiert oder darfst dir blöde Sprüche wie „Zigeuner“ anhören?
Senad: Ich habe keinen Bock, mir deshalb Stress zu machen. Mit 13, 14, als wir hierher kamen, fühlte ich mich deswegen oft unwohl, doch mittlerweile macht mir das nichts mehr aus.
f79: Habt ihr im Gegensatz zu den Deutschen irgendwelche Nachteile?
Senad: Ihr lebt hier, wir sind nur geduldet. Wir dürfen uns nicht weiter als dreißig Kilometer von Freiburg wegbewegen, das ist auf unserem Ausweis vermerkt. Wir können nicht ins Ausland, müssen die ganze Zeit in Freiburg bleiben. Es kann auch sein, dass wir abgeschoben werden, dass ich mit meiner Familie zurück muss in den Kosovo. Das finde ich nicht gut und ich fühle mich so nicht wohl.
f79: Gefällt es dir nicht, hier zu sein?
Senad: Ich habe mich daran gewöhnt. Hier sind meine Freunde und größtenteils bin ich hier aufgewachsen. Zu meiner Familie im Kosovo halten wir immer noch Kontakt, auch wenn wir sie nicht besuchen dürfen. Mein Vater oder ich rufen an, wenn wir Lust haben und erkundigen uns, wie es ihnen geht. Es geht ihnen nicht gut. Es gibt dort viel zu wenig Jobs, und Geld zu verdienen ist schwer. Das ist kein Leben. Deswegen will ich hier als Deutscher leben.
f79: Hast du konkrete Zukunftspläne?
Senad: Ich möchte eine Ausbildung als Lackierer machen und endlich eigenes Geld verdienen. Ich will eigene Miete zahlen können, so wie die Deutschen. Meine Freundin möchte ich heiraten und mit ihr vier Kinder bekommen. Mein Vater hat meine Freundin für mich ausgesucht, weil er ihren Vater kennt. Ihr Vater hat uns Geld gezahlt, damit sie später bei mir lebt und ich für sie sorge. Das ist bei uns völlig normal, meinen Brüdern erging es nicht anders. Ich finde das nicht schlimm, denn ich bin verliebt in sie und kann mir eine Zukunft mit ihr gut vorstellen.
f79: Vielen Dank für das Gespräch.
Senad: Bitte, gern geschehen!
 
 
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