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Leute & Leben

Praktikum in London: Die Angst vor dem Schwimmen

Mein Praktikum in einer Eventagentur in London hat mir sehr geholfen. Ich erlernte neben Kompentenzen in der Organisation noch etwas viel wichtigeres: Ich kann und muss mir Dinge zutrauen, dann klappt das auch. Ich würde den Sprug ins kalte Wasser immer wieder wagen.

 
 

Anfangs fühlte ich mich in dem Eventunternehmen ziemlich eingeschüchtert

Ein heller Eingangsbereich ganz in Weiß mit hoher Decke; rechts hinter einer weißen Theke eine gut aussehende Rezeptionistin; links ein weißer, großflächiger, niedriger Tisch, an dessen Dekoration sich gerade ein im Blaumann gekleideter Mann zu schaffen machte. So unscheinbar das niedrige Backsteingebäude zwischen den vielen anderen von außen wirkte, so bedeutend erschienen mir diese Büroräume, als ich mich nun inmitten ihrer Eingangshalle wieder fand.
Ich wollte einen guten Eindruck machen, zeigen, dass ich was kann, schließlich hatte ich mich ja nicht umsonst dazu entschlossen zwei Wochen Osterferien für ein Praktikum zu opfern. Aber jetzt, wo mich eine Atmosphäre voll von Professionalität, von Know-how, von Kreativität, von großer Arbeit umgab, fühlte ich mich eingeschüchtert. Ich wollte nicht das kleine deutsche Mädchen sein, das dank ihrer Cousine das Praktikum in einem internationalen Eventunternehmen bekommen hat, ohne der Sache gewachsen zu sein; das kleine Mädchen, das sich verhaspelt in den Tücken der englischen Aussprache, das sich nur an der Hand ihrer älteren Cousine sicher fühlt.

Ich werde zeigen was ich drauf hab

Mit diesen Gedanken ließ ich mich von meiner Cousine einmal rund durch die hellen, offenen Büroräume führen, wurde den einzelnen Abteilungen vorgestellt und in die Regeln und Bräuche eingeweiht. Dabei vermittelten die Bilder von den zahlreichen Veranstaltungen gemeinsam mit der modernen und einfallsreichen Einrichtung den Eindruck geballter Kreativität. Hier ging es nicht nur um trockene Professionalität, hier ging es darum zu beweisen, dass Professionalität und Kreativität Hand in Hand gehen. Nachdem ich die Tage zuvor damit verbracht hatte mich auf das Praktikum in London zu freuen, wurde mir erst dort bewusst, dass ich ein ziemlich kleiner Fisch war, der sein Leben lang in einer Glaskugel verbracht hatte und nun in das offene Meer geschmissen wurde, wo zu allem Überfluss alle anderen Fische eine andere Sprache sprachen.
Aber die Sturheit und der Wille eines Steinbocks lassen sich nicht so schnell von etwas aufkommender Verunsicherung untergraben. Nein! Der Steinbock in mir schmunzelte über meine Unsicherheit, dachte sich „Ha, das wär’ doch gelacht, wenn wir das nicht hinkriegen, wo ich es doch so sehr will!“ und brachte mir schließlich die nötige Motivation und Überzeugung zurück. Ich war nicht nur bereit mich auf die Herausforderung einzulassen, sondern entschieden dazu mein Bestes zu geben.

Spannende, verantwortungsvolle Aufgaben anstatt üblicher Praktikantenarbeit

Mit diesem Willen ließ ich mich dann endlich an meinen zukünftigen Schreibtisch bringen und wartete darauf, dass mir die übliche „Praktikantenarbeit“ zugewiesen wurden: Tabellen überarbeiten, scannen, kopieren, laminieren, abheften… Einfache Aufgaben, die kaum Kreativität verlangen und doch einen Einblick in die Geschäftsabläufe gewähren. Um so mehr wunderte es mich, als die Kollegin und Mitbewohnerin meiner Cousine mich bat eine Uniform für Außendienstmitarbeiter zusammenzustellen, verschiedene Angebote einzuholen und Muster in mehreren Größen zu bestellen. Anstatt monotoner Tätigkeiten war ich hier gefordert selbstständig und kreativ zu arbeiten. Zudem war ich nun gefragt Geschäftstelefonate auf Englisch zu führen, was meinen Adrenalinspiegel deutlich erhöhte. Ohne Zweifel war ich, als das grelle Tuten in der Leitung ertönte, richtig angespannt: Was, wenn mein „Business English“ für das Gespräch nicht ausreichen würde? – „Tuuuut“ - Was, wenn ich die Dame oder den Herrn am anderen Ende der Leitung wegen deren bzw. dessen Dialekt nicht verstehen würde? – „Tuuuut“ - Was, wenn mir ein Wort fehlen würde? – „Tuuuut“ – Was, wenn ich nicht verstanden werden würde? – „Klick“ – Jemand hatte abgenommen! Was nun? Ich begann zu reden… und ich wurde verstanden! Umgekehrt als erwartet, hatte ich Schwierigkeiten meinen Gesprächspartner, der mit starkem indischen Akzent redete, zu verstehen. Während ich konzentriert versuchte aus den Akzent verzogenen Wörtern, die mit überwältigender Unbeschwertheit aus dem Hörer strömten, die eigentliche Bedeutung zu filtern, begriff ich, dass auch, wenn mein Geschäftsenglisch mit einigen Lücken versehen ist, mein Alltagsenglisch ausreicht, um mir die fehlenden Begriffe erklären zu lassen. Nach und nach wanderte mein Selbstvertrauen zurück in mein Gemüt und erfüllte es mit der frisch erlangten Überzeugung, dass es nicht von Bedeutung ist Fehler zu machen. Mit dem nächsten „Klick“ - als das andere Ende den Hörer auflegte - machte es auch in mir „Klick“:

Ein starkes Selbstvertrauen ist sehr wichtig

Millionen Menschen der Erde sprechen tausende verschiedene Sprachen. Eine neue zu erlernen ist eine Ehrerbietung der Muttersprachler. Sich dabei in den Netzen der Grammatik oder den Fallen der Aussprache zu verfangen ist sicherlich keine Peinlichkeit, für die es sich zu schämen gilt, sondern ein Weg oder vielmehr der beste Weg die persönlichen Sprachkenntnisse zu verfeinern. Für jeden Fehler, den wir offenkundig machen und der uns korrigiert wird, sollten wir dankbar sein, denn die Menschen werden uns offenherzig begegnen und uns helfen Sprachbarrieren beiseite zu schaffen. Ein Sprung ins kalte Wasser, wie dieser es für mich war, wird es sein, der uns das Schwimmen lehrt, sofern wir unser Selbstvertrauen noch nicht über Bord geworfen haben.
Ein zufriedenes Lächeln zeichnete sich in meinem Gesicht ab. Die Freude darüber mir mit meinem sturen Willen, den Sprung gewagt zu haben und dadurch meine eigenen Bedenken genommen zu haben weckte eine unaufhaltsame Tatenkraft in mir, so dass ich voller Elan immer wieder ins Wasser hüpfte und eine Nummer nach der anderen wählte…

Ein Artikel aus "Financial t('a)ime", Schülerzeitung der Kaufmännischen Schule (mit Wirtschaftsgymnasium) Tauberbischofsheim.


Weiterführende Links:

im Jugendnetz:

im weiteren WWW:

  • Financial t('a)ime, Schülerzeitung der Kaufmännischen Schule (mit Wirtschaftsgymnasium) Tauberbischofsheim.
 
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