Drucken

Leute & Leben

Ein Nachmittag im Rollstuhl. Ein Selbstversuch.

An einen Rollstuhl gefesselt zu sein, ist für viele Menschen Alltag. Miriam Kumpf wollte wissen, wie sich das anfühlt und war einen Nachmittag lang im Rollstuhl in der Innenstadt unterwegs. Geld abheben, einkaufen und Kaffee trinken: Wie das mit dem Rollstuhl funktioniert hat, lest ihr in ihrem Bericht.

 
 

Es ist Dienstagnachmittag und wir sind unterwegs ins Stadtzentrum von Nördlingen am Ries. Wir, das sind vier quietschlebendige und fitte junge Menschen. Im Kofferraum von Heikes Opel liegt ein zusammengeklappter Rollstuhl, den wir uns kurz davor in einem Altersheim abgeholt haben.

In eine Decke einwickeln und los geht’s!

Wir kurven um die Stadtmauer von Nördlingen auf der Suche nach einem Parkplatz. Da! Ein Behinderten-Parkplatz ist frei! Ob wir da parken sollen? Einen Rollstuhl haben wir ja dabei ... Wir entscheiden uns dagegen und parken lieber auf einem Parkplatz ein Stück außerhalb. Hier fällt es auch nicht so auf, wie Stefan, unser erster Testkandidat, aus dem Auto hüpft und kurze Zeit später im Rollstuhl sitzt. Wir wickeln eine Decke um seine Beine – und los geht’s! „Ich komme mir vor wie eine alte Oma!“, beschwert sich Stefan. „So jung und schon im Rollstuhl“, sagen die mitleidigen Blicke der Pasanten, denen wir begegnen. Ich habe ein bisschen ein schlechtes Gewissen ihre Hilfsbereitschaft auszunutzen – eigentlich ist Stefan doch topfit! Überall wo wir hinkommen wird uns die Türe aufgehalten und Hilfe angeboten.

Kalte Füße und enge Drogeriemärkte

In einer Seitengasse versuchen wir so unauffällig wie möglich die Rollen zu tauschen: Stefan darf wieder laufen, Heike sitzt nun im Rollstuhl. „Ich habe kalte Füße!“, jammert sie bereits nach kurzer Zeit – trotz der Wolldecke, mit der sie eingewickelt ist. Wir wagen uns in Richtung Innenstadt und wollen Heike zum Einkaufen schicken. Ob das funkioniert? Der Drogeriemarkt hat zum Glück einen ebenerdigen Eingang, so dass Heike mit ihrem Rollstuhl problemlos hineinrollen kann. Allerdings bleibt die Türe nicht von alleine offen und ohne die freundliche Hilfe einer Passantin, die ihr die Türe offen hielt, wäre sie nur schwer hineingekommen. Kurz darauf ist sie zurück: „Die Gänge sind so eng, ich hatte ständig das Gefühl, dass ich etwas herunterreiße“, sagt Heike. Gekauft hat sie nichts.

Auf die Hilfe anderer angewiesen

Ob die Bank rollstuhlfreundlicher ist? Nun sitze ich im Rollstuhl und wir stehen für einen Augenblick ratlos vor dem Kreditinstitut: Treppenstufen! Und jetzt? „Wir müssen auf die andere Seite des Gebäudes“, stellt Alex fest. Er hat ein Schild zu einem Rollstuhl-Eingang entdeckt. Ich rolle los. Das geht ganz schön in die Arme und das Kopfsteinpflaster der Nördlinger Fußgängerzone macht die Fortbewegung nicht gerade einfacher. „Soll ich dich schieben?“ Dankend nehme ich Stefans Hilfe an – und verfluche es sofort, als der Rollstuhl nur noch auf seinen Hinterrädern steht und ich mehr oder weniger in der Luft hänge. Wenn Stefan jetzt loslässt oder mich fallen lässt, weil ich zu schwer bin ... „Stell mich wieder ab!“, schreie ich ihn panisch an und bemerke zum ersten Mal, wie sehr ich in dieser Situation von anderen abhängig bin. Der Gang zum Geldautomaten klappt dafür problemlos: Der Hintereingang ist ebenerdig mit einer Türe, die sich auf Knopfdruck öffnet und einem Aufzug. Vorbildlich!

Blick vom Kirchturm? Fehlanzeige!

Unsere nächste Station ist ein Café. Denn nicht nur mir, die im Rollstuhl fährt ist kalt, sondern auch meinen Mitstreitern. Im Café werden wir fast noch schiefer angeschaut als auf der Straße. Das Café ist an eine Bäckerei angeschlossen. Hier ist Selbstbedienung angesagt. Ich vertraue Heike meinen Geldbeutel an – zur Theke zu rollen wäre sehr umständlich. Auch hier ist es sehr eng und ich würde den ganzen Laden verstopfen.
Als letztes schieben wir Alex im Rollstuhl durch die Innenstadt. Wir kommen an einem Kirchturm vorbei, der Blick von dort oben soll fantastisch sein. Aber mit dem Rollstuhl? Keine Chance die enge Wendeltreppe hochzukommen. Alex alleine lassen? Auf keinen Fall. Also geht keiner von uns hoch.

Kaputtes Rad beendet Ausflug

Wir machen uns auf den Weg zurück zum Auto. Auf halber Strecke verabschiedet sich das linke Vorderrad. Es knickt einfach weg. „Das war schon kaputt und wurde mit zwei Kabelbindern notdürftig befestigt!“, stellt Stefan nach kurzer fachmännischer Begutachtung fest. Na toll! Gibt uns das Altersheim einen kaputten Rollstuhl mit! Zum Glück hat Alex zwei gesunde Füße und kann zum Auto laufen. Sonst hätten wir ein ernsthaftes Problem gehabt. Das kaputte Rad hat unseren Selbsterfahrungstrip etwas früher beendet als geplant. Wir können nun sicher nicht von uns behaupten, wir wüssten nun, wie sich ein Mensch im Rollstuhl fühlt. Aber wir haben einen kleinen Einblick gewonnen in einen Alltag, der nicht immer einfach zu meistern ist.

 
 

Kalender

May 2018:

Sun Mon Tue Wed Thu Fri Sat
1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 30 31
 

Schlagwörter