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Leute & Leben

Wenn das Sprechen zur Qual wird

Etwa ein Prozent der deutschen Bevölkerung stottert. Wer sich nicht ausdrücken kann, steht schnell im Abseits, wird gemieden. Dabei würde den Betroffenen vor allem eins helfen: Hinschauen statt Wegschauen.

 
 

Wer Daniel Seitze* sieht, denkt eigentlich an nichts Besonderes. Ein gut aussehender junger Mann um die zwanzig Jahre. Zu seiner dunkelblauen Hose trägt er einen roten Pulli, seine schwarzen Haare sind mit blonden Strähnchen aufgehellt und man kann sich gut vorstellen, dass sich auf der Straße die eine oder andere Frau nach ihm umdreht. Ein junger Mensch also, der sein Leben leben könnte, wie jeder andere in seinem Alter. Nächstes Jahr macht er das Abitur. Danach steht ihm die Welt offen, mit all ihren Geheimnissen und Herausforderungen.

Alltag voller Herausforderungen

Herausforderungen, die für Daniel schon als Kind nicht nur darin bestanden, wie
man es sich vielleicht vorstellt. Manch einer erinnert sich noch an seine Kindheit, an die Zeit, als es noch etwas ganz Großes war auf Bäume zu klettern und Fahrrad zu fahren, in der man
schwimmen lernte und zum ersten Mal Schlittschuh lief. Sicher waren das auch für Daniel Herausforderungen und auch er hatte danach einen ganz normalen Schulalltag, mit Lernen und allem was dazugehört. Oder doch nicht ganz. Denn Daniel stottert.

Kleinigkeiten wie zum Bäcker oder zum Metzger gehen, ein Telefonat führen oder in einem Café eine Cola zu bestellen, sind für ihn wirkliche Herausforderungen und werden nicht selten zur Qual. Im Kindergarten fingen diese verflixten Redeflussstörungen an und spätestens seit der Einschulung musste er erkennen, dass er anders war als die Anderen.

Kampf gegen die Sprachblockaden

Viele Mitschüler kamen nicht damit klar, wenn er für einen Satz etwas länger brauchte als sie, wenn sich seine Hände beim Sprechen zu Fäusten ballten und sich das gewünschte Wort einfach nicht rauspressen lies. Später besuchte Daniel eine Privatschule. Aber heute ist erwieder Schüler eines staatlichen Gymnasiums und hat angefangen gegen seine Sprachblockaden zu kämpfen.

Einmal die Woche ist er bei einem Logopäden und hat dadurch den Mut gefunden, sich zu melden, wenn er Etwas weiß. Früher war das nicht so. „Ich habe im Unterricht einfach nicht zugehört, so kam ich erst gar nicht in die Versuchung, zu antworten, wenn ich aufgerufen wurde, weil ich dann die Antwort wirklich nicht wusste“, sagt er und lächelt verlegen.

Unerklärliches Phänomen

Etwa ein Prozent der deutschen Bevölkerung stottert. Das sind 800 000 Menschen, die sich immer wieder fragen, warum es gerade sie getroffen hat. Betroffen sind Kinder und Jugendliche, Erwachsene und Senioren. Männer leiden öfter darunter als Frauen. Auf drei stotternde Männer kommt eine stotternde Frau. Als „Stotterer“ lässt sich niemand
gerne bezeichnen, „das klingt so, als ob ein Mensch auf sein Sprachproblem reduziert wird“, so die Feststellung vieler stotternder Menschen, die man darauf anspricht. Stottern, das ist ein Phänomen, das für viele unerklärlich erscheint. Über das sich selbst Experten nicht einig werden können.

Wenn man sich über verschiedene Therapiemethoden informiert, so stößt man auf Hypnose und Atemtherapie, auf Akupunktur und autogenes Training. Dennoch: Keine Therapie verspricht einen hundertprozentigen Erfolg. Das Greifenhofer Institut in Paderborn und das Del Ferro Institut in Amsterdam sind wohl eine der meist bekannten Anlaufstellen für stotternde Menschen. Selbst sie haben neben vielen Lobpreisungen auch Kritiker, die der ganzen Sache nicht so recht trauen.

Stottern wird gerne totgeschwiegen

Am 20. Oktober 1998 fand der erste Welttag des Stotterns (International Stuttering Awareness Day) statt. Verbände der Betroffenen weltweit, aber auch viele Fachleute, haben ihn ins Leben gerufen, um auf das Leben der stotternden Menschen aufmerksam zu machen.
Denn stottern wird, so traurig es in diesem Zusammenhang auch klingen mag, in Deutschland gerne totgeschwiegen. Trotz diverser Selbsthilfegruppen, Forschungsteams und Privatpersonen, die versuchen Aufklärungsarbeit zu leisten, wissen nur wenige, was Stottern eigentlich genau ist.

Fragt man einen stotternden Menschen nach seinen schlechtesten Erinnerungen, kommt in fast allen Fällen das Wort „Schulzeit“ wie aus der Pistole geschossen. Auch Daniel kann davon ein Lied singen: „Freunde hatte ich kaum, ich wurde gehänselt und sogar ein paar mal geschlagen. Selbst die Lehrer haben nur wenig Verständnis für mich gezeigt.“

Lehrer und Mitschüler fühlen sich hilflos

Tatsächlich mangelt es an deutschen Schulen an richtiger Aufklärung. Viele Lehrer fühlen sich hilflos, wenn sie einen stotternden Schüler in der Klasse haben und können mit den Sprachstörungen nicht umgehen. Einige erkennen das Problem nicht und betroffene Schüler trauen sich aus Scham nicht, dem Lehrer von ihrem Handicap zu erzählen. Oder schweigen, damit der Lehrer nicht denkt, man wolle sich einen Vorteil herausschlagen. So beginnt nicht selten der Leidensweg in der Schule, gesäumt von mündliche Noten und Referaten, von Präsentationen und lautem Vorlesen.

Das Problem ist, dass Stottern nicht nach einem bestimmten Muster abläuft und dass man sich nicht daran gewöhnen kann. „Wenn einem Menschen ein Arm fehlt, oder humpelt, können die Mitmenschen lernen, damit umzugehen und irgendwann ist es so, dass die Einschränkungen im Bezug auf dieses Problem nicht mehr so sehr auffallen“, berichtet Katrin Zehl, die auch zu den Betroffenen gehört. Stottern ist dagegen nicht einfach wegzudenken.

In den Medien stottern die Witzfiguren

Sprache ist das wichtigste Kommunikationsmittel. Wer sich nicht ausdrücken kann, steht schnell im Abseits, am Spielfeldrand der sich immer bewegenden Welt. Leute, die sich mit der Materie auskennen, beklagen sich oft über die Medien und schieben ihnen ein Teil der Schuld an der Unwissenheit vieler Deutschen im Bezug auf das Stottern zu. Wer kennt nicht den Kinoklassiker „Ein Fisch namens Wanda“, in dem der tierliebe Michael Palin durch unglückliche Umstände zum mehrfachen Hundekiller wird? Und wer hat sich nicht an seiner dümmlich naiven Art amüsiert? Und als hätte der Regisseur Charles Crichton noch einen Lacher draufsetzen wollen, ließ er seine Witzfigur stottern.

Kaum ein Komiker hat noch keinen Witz über das Stottern gerissen und es fällt doch auf, dass der hässliche Verlierer im Film nicht selten stottert. Die Folge solcher Darstellungen ist eine massive Stigmatisierung des Einzelnen. Es wird ein Bild produziert, das nicht einmal annäherungsweise der Wirklichkeit entspricht.

Mehr Aufklärung notwendig

Ein stotternder Mensch kann schön oder hässlich, intelligent oder dumm, erfolgreich oder nicht sein. Mit seinem Sprachproblem hat das nichts zu tun. Viele Betroffene haben Methoden entwickelt um ihre Umwelt darüber hinweg zu täuschen, dass sie stottern. „Wenn ich einen Satz nicht sprechen kann, stoppe ich kurz und stelle ihn schnell um, so umgehe ich schwierige Wörter“, berichtet Daniel. Seinen Namen hat er eine Zeitlang beim Aussprechen einfach anders betont und im Café bestellte er nur das, was er aussprechen konnte. Glück hatte er, wenn seine Begleiter das bestellten, was er eigentlich trinken wollte. „Da musste ich nur ‚für mich das gleiche‘ sagen“, meint er und streicht sich eine Strähne aus den Augen.

Angst, Mutlosigkeit und Scham sind nur einige der ständigen Begleiter stotternder Menschen. Aber auch von positiven Erfahrungen berichtet Daniel. Als er einmal in den Ferien gejobbt hat, „gabs gar keine Probleme“, wie er sagt. Er hat gemerkt, dass er nicht überall auf Unverständnis stößt. Dennoch: Am meisten würde es ihm laut seinen Aussagen helfen, wenn mehr Menschen hin- statt wegschauen würden. Wenn mehr Aufklärung betrieben würde und sich mehr Leute mit dem Stottern beschäftigen würden.

Ganz oben auf der Wunschliste: flüssiges Sprechen

Von den Lehrern und Mitschülern in der Schule ist er größtenteils enttäuscht worden, das ist nicht mehr rückgängig zu machen. Wenn er später studiert oder eine Ausbildung macht, wird er sich wieder mit dem gleichen Problem herumschlagen. Daniel wird wieder erklären müssen, dass er ein wenig anders ist, selbst wenn er dank seinen Sitzungen beim Logopäden große Fortschritte gemacht hat.

Für die Zukunft steht das flüssige Sprechen ganz oben auf der Wunschliste: „Nicht mehr stottern, das steht an erster Stelle, dann sieht man weiter“, sagt Daniel und dabei schaut er so entschlossen, dass man ihm nur alles Glück der Welt wünschen kann, dass dieser Traum einmal wahr werden wird.

*Alle Namen von der Redaktion geändert

 
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