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„Svenjas Reise“ – ein f79-Blog / Folge 5: Der Chilenische Alltag
Ich muss gestehen, ich musste erst nachrechnen, wie lange ich schon hier bin, denn ich habe aufgehört, die Wochen zu zählen. Also, der Kalender hat mir geholfen: Ich bin jetzt schon sieben Wochen hier am Ende der Welt, also schon fast zwei Monate.
Ich habe die Empanadas (kleine herzhafte Gebäckstückchen) lieben gelernt und „Alfajor“. Das ist eine, ich glaube ursprünglich Argentinische, Süßigkeit und unbeschreiblich lecker. Ich kann gar nicht genug davon kriegen.
Langsam aber sicher ist Alltag eingekehrt, der sieht ungefähr so aus: Um sieben Uhr klingelt mein Handy mich wach mit einem furchtbaren Klingelton, der aber wenigstens seinen Zweck erfüllt und mich augenblicklich aus meinen Träumen reißt. Davon wird auch Karen wach, die im Stockbett über mir liegt und macht den Fernseher an. Beim Gebrabbel der Chilenischen Nachrichtensprecher schlafe ich dann wieder ein, bis unsere Mutter um zwanzig nach sieben erbost einen Schrei los lässt, von dem ich dann wieder aus dem Schlaf schrecke und sofort aus dem Bett in die Eiseskälte springe, während Karen noch fünf Minuten liegen bleibt.

Also, schnell die Schuluniform unter den Arm klemmen und ins Bad flitzen, denn ich habe nur zehn Minuten, wenn ich danach noch schnell eine Scheibe Brot hinunterschlingen will. Eine Cafeteria oder irgendeine Möglichkeit, etwas zu Essen, gibt es in der Schule nämlich nicht. Dann fährt uns entweder Gastvater Lalo mit dem Auto zur Schule (das Bild oben ist vom Schulweg), oder in der Woche, in der er arbeitet, holt uns ein Taxi ab. Lalo ist immer eine Woche da und eine Woche arbeitet er in einer anderen Stadt.
Wir sind immer zehn Minuten zu früh in der Schule und jeden Tag ärgere ich mich, mich so beeilt zu haben, denn wir sind immer unter den ersten im Klassenzimmer. Also zur Begrüßung jedem ein Küsschen und dann schnell an die Heizung, die Finger aufwärmen. Wenn der Lehrer kommt, müssen alle aufstehen, bis er sagt, dass wir uns setzen dürfen und dann herrscht Disziplin. Na ja, Disziplin, sowas wie Handzeichen geben, wenn man etwas zu sagen hat, gibt es nicht und so rufen alle immer einfach rein und der Lautstärkepegel ist dementsprechend.
Um zwölf geht’s dann wieder ab nach Hause. Zu Mittag gibt es immer eine Suppe und Fleisch mit Beilage. Nach dem Essen wird geschlafen. Also zumindest ich döse meistens auf der Couch weg, bis ich mich dann um zehn vor zwei wieder fertig machen muss und ab geht’s zurück in die Schule. Bis um halbsechs. Stöhn. Nach der Schule gibt es Kaffee und Kekse oder Brot und dann habe ich Freizeit. Zirka zweimal die Woche kommt Catalina um sechs und wir machen Spanisch. Neuerdings gehe ich mit Freunden an der Strandpromenade joggen, das macht Spaß und es tut so gut, mal wieder Sport zu machen.
Abendessen gibt es so zirka um zehn Uhr. Wieder Suppe und Fleisch mit Beilage. Es ist lustig, manchmal würde ich gerne meine Gedanken aufnehmen, um sie im Nachhinein anhören zu können. Ein Mix aus Deutsch, Englisch und spanisch. Wenn ich mich ärgere, denke ich immer in Deutsch, doch normalerweise sind meine Gedanken Englisch mit Spanisch untersetzt.

Ja, das spanisch wird besser. Das schreibe ich in jedem Blog, aber es stimmt. Im Radio kann ich manche Lieder verstehen und die Dialoge nachzuvollziehen, fällt mir leichter. Einen Dialog zwischen zwei Personen zu verstehen ist inzwischen möglich, aber in größeren Gruppen geht mir das immer noch zu schnell. Die Basics kann ich jetzt auch schon sagen, aber die Chilenen in Punta Arenas tun sich echt schwer damit, Nichtmuttersprachler zu verstehen. Viele versuchen es gar nicht erst, sondern wollen gleich jemanden, der für sie übersetzt, was ich sagen möchte. Dagegen wehre ich mich allerdings massiv.
Ich habe gemerkt, dass es einfacher ist, sich mit Leuten zu unterhalten, die ein bisschen Englisch können. Nicht, weil ich mit ihnen Englisch reden möchte, sondern weil sie wissen, wie es ist, sich in einer neuen Sprache zurechtzufinden und meistens sind die auch diejenigen, die sich Mühe geben, langsam zu sprechen, damit ich eine Chance habe, aus dem Wortfluss einzelne Wörter heraus zu hören.
Ich glaube, der Umgang mit fremden Sprachen ist hier einfach ein ganz anderer. Die meisten hier kommen ja niemals aus Punta Arenas und Umgebung heraus, viele waren zumindest schon einmal in Santiago oder in Argentinien, aber dazu braucht es ja auch keine Fremdsprache. Wer reiselustig ist, war auch schon in Peru oder Uruguay. Aber das ist auch der Grund,warum sich die Chilenen so schwer tun mit Englisch. Die meisten brauchen es einfach nicht, weil auch in den ganzen Nachbarländern nur spanisch gesprochen wird und so sind sie es einfach nicht gewohnt, dass jemand kein spanisch spricht. Pech für mich, aber es wird ja besser.

Letzten Sonntag bin ich sehr früh aufgestanden, *hust*. Um ein Uhr mittags bin ich auf Zehenspitzen aus dem Haus geschlichen, um ein paar Fotos vom Strand zu machen. Der Rest der Familie schlief noch selig. Thema: Strandgut. Korrigiere: Müll. Was so alles im Meer herumschwimmt, wird klar, wenn man den Strand von Punta Arenas bestaunt. Mauerreste, Plastik, Autoteile (oder was auch immer das mal war), ein Stück Säule aus Stein mit herausstehender und verbogener Stahlstange, Müll und Glasflaschen. Ich sah, staunte und versuchte, die Wirklichkeit so gut wie möglich einzufangen. Ich glaube, ich bin gescheitert, aber die Fotos sind trotzdem nett geworden.

Am Freitag hatte ich schulfrei und am Montag auch, wegen dem Chilenischen Nationalfeiertag. Und am Mittwoch Nachmittag und Donnerstag hatten wir keine Schule, sondern es wurde nur getanzt. Auch die ganz kleinen mussten „cueca“ tanzen vor der ganzen Schule, aber alle haben glaube ich mit ihnen gefiebert, denn jeder der Zuschauer war ja mit sechs oder sieben Jahren in der selben Situation. Und es ist einfach nur niedlich anzusehen, wie die kleinen Gentlemans versuchen, ihre Mädels zu beeindrucken. Ich glaube, der Ablauf ist ungefähr so: Der Mann fordert die Frau zum Tanz auf und sie stimmt nach kurzem Überlegen zu, dann laufen sie ein Stück zusammen und dann stellen sie sich gegenüber des anderen auf und alle klatschen. Dann muss der Mann versuchen, seine Frau zu beeindrucken. Hilfsmittel: Sombrero, weißes Taschentuch, mit dem gewedelt wird und laut scheppernde Sporen. Die Frau benimmt sich wie ein verliebtes Mädchen, lächelt, ziert sich und wedelt mit ihrem Taschentuch. Das ganze geht in einem enormen Tempo vonstatten und ist ein einziges Hin und Her.
Morgen beginnen die Festlichkeiten rund um den Independent Day und alle meinten schon zu mir: „Svenja, du wirst seehr viel essen und feiern.“ Ich bin mal gespannt. Ach ja, der Gewinner von dem Schulwettbewerb war rojo, wir sind leider nur zweiter geworden, von drei.
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