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Leute & Leben

Am Rande der Gesellschaft / Auch in Freiburg sind Jugendliche von Obdachlosigkeit betroffen

Mit 14 Jahren hatte Patrick* die Schnauze voll. Weil es zuhause immer wieder zu Streits kam, zog er kurzerhand aus – und stand plötzlich auf der Straße. Kein Geld, kein Dach über dem Kopf und kaum einen Plan, wie‘s jetzt weitergehen soll. Inzwischen verdient er sich seinen Unterhalt als Drogendealer. Ähnlich wie Patrick geht es in Freiburg laut der Freiburger Straßenschule - einer Organisation, die sich um junge Menschen in schwierigen Situationen kümmert - rund 200 Jugendlichen. f79-Reporterin Sandra Drewenskus hat sich mit Patrick und Stefan*, einem erfahreneren Obdachlosen, getroffen und sich erzählen lassen, wie das Leben ohne eigenes Bett und am Rande der Gesellschaft funktioniert.

 
 

Patrick ist sechzehn Jahre alt und lebt seit er vierzehn ist auf der Straße. Nicht die ganze Zeit, manchmal kommt er bei Freunden unter. Doch was muss passiert sein, dass es soweit kommt und dass zuhause, plötzlich kein Zuhause mehr ist? „Mit vierzehn haben mich meine Eltern rausgeworfen. Also nicht in dem Sinne rausgeworfen. Ich bin eher abgehauen. Meine Mama hat mir Hausarrest gegeben, und das hat mich genervt. Da bin ich dann bei meiner damaligen besten Freundin untergekommen und wurde aufgenommen von der Familie. Ich hatte sogar mein eigenes Zimmer“, erzählt Patrick und lacht dabei. Es überrascht, wie tief seine Stimme ist. So tief wie die Stimme eines alten Mannes, der schon mit allen Wassern gewaschen wurde.


Mit Hilfe der Polizei holte ihn seine Mutter nach seinem ersten Ausriss zurück nach Hause. „Sie ist ja immer noch die Sorgeberechtigte. Ich habe dann wieder eine Zeit lang zu Hause gewohnt, bin auch ganz gut mit meiner Mutter klargekommen, aber ich habe schon zu ihr gesagt, wenn sie mir nochmal Hausarrest gibt, dann bin ich weg“, berichtet Patrick weiter. Nur zwei Monate später war es dann soweit, „und da habe ich den Schlussstrich gezogen.“
Er schlägt auf der Straße auf, schläft draußen gemeinsam mit zwei Punks in leeren Lagerhallen und unter Brücken. Die beiden nehmen ihn auf und zeigen ihm die Tricks und Kniffe mit denen man auf der Straße überleben kann. „Die waren alle voll lieb zu mir und so etwas wie meine neue Familie“, sagt Patrick im Rückblick. Trotz der widrigen Umstände will er seine Schule erfolgreich abschließen. „Und das habe ich auch geschafft, meinen Abschluss habe ich mit 2,3 bestanden“, erzählt Patrick stolz, „auch wenn es nur Hauptschule ist.“


Ein wirklicher Schlüssel zum Erfolg im Leben war dieser Schulabschluss bislang allerdings nicht für den jungen Obdachlosen: „Ich meine schau mich an. Jetzt deale ich mit irgendeinem Mist, weil irgendwo her muss ja das Geld kommen.“ Patrick verkauft Drogen, um sich über Wasser zu halten.

 

Patricks Einnahmequelle: LSD, Pep & Koks


Eine Chance jetzt eine Ausbildung zu beginnen hat er nicht, „für den ganzen Papierkrams brauche ich die Unterschrift meiner Eltern, aber die wollen nicht. Ich bin ja noch minderjährig. Kindergeld bekomme ich auch nicht, das kassieren meine Eltern und sonstige finanzielle Unterstützung bekomme ich ebenfalls nicht, also ist das Dealen meine einzige Quelle.“ Damit kommt er auf die Drogen zu sprechen. „Am Anfang war es ja nur ab und zu ein bisschen Gras, dann kam ich aber auch an die härteren Sachen. Das ist relativ leicht. Die Kontakte ergeben sich von selbst.“ Jetzt konsumiert und dealt er mit mehr als nur ein bisschen Gras. Chemie wie LSD, Ecstasy, Pep, aber auch Koks. „Dadurch, dass ich so eine breite Spanne habe, habe ich viele Kunden, die zum Teil auch meine Freunde sind, bei denen ich unterkommen kann.“


Er musste schon sehr früh erwachsen werden,
vierzehn ist in seinen Augen eigentlich kein Alter um auf der Straße zu leben. „Ich war natürlich noch sehr jung und habe viel Mist erlebt und gemacht und tue das immer noch, aber das hat mich auch stark gemacht. Die Straße formt einen. Man muss aufpassen und darf nicht jedem vertrauen.“ Dabei hat er auf der Straße nicht einmal die schlimmsten Dinge erlebt – von Gewaltattacken blieb er dort bislang im Gegensatz zu Daheim nämlich verschont. „Tatsache ist, dass ich zu Hause schon sehr jung, sehr viel arbeiten musste und auch geschlagen wurde“, sagt er mit ernster Miene, „meiner Mutter gehört ein riesiges Grundstück, da musste ich verschiedene Arbeiten verrichten – und irgendwann konnte ich nicht mehr. Ich hab zum Teil die ganzen Ferien arbeiten müssen, während andere Kinder draußen spielen konnten.“ Über genauere Details aus dieser Zeit möchte er allerdings nicht sprechen.

 

 

Dafür aber über seine Erfahrungen auf der Straße – etwa mit der Polizei. „Klar mit den Bullen bin ich schon oft aneinander geraten. Vor kurzem haben sie mich mit 30 Gramm erwischt. Natürlich alles Eigenbedarf, hab ich ihnen verklickert“, lacht er laut und ein Grinsen breitet sich in seinem Gesicht aus, „die suchen mich auch momentan, weil ich meine Sozialstunden noch nicht abgeleistet habe und auch wegen Körperverletzung. Das war aber nicht so tragisch wie es sich anhört.“


Auf die Frage, wo er sich in der Zukunft sieht, verfinstert sich seine Miene. „Ich wünsche mir, eine Chance zu bekommen, was aus meinem Leben zu machen. Ich weiß, ich hätte Schule weitermachen sollen, vielleicht habe ich ja später die Möglichkeit. Ansonsten würde ich gerne eine Ausbildung machen, mein eigenes Geld verdienen und eine eigene kleine Bude haben.“ Er ist nicht stolz darauf und weiß, dass er mehr kann, aber die Hilfe und die Unterstützung ist halt nicht da. Allem, was er durchbringen will, wie etwa einen neuen Ausweis zu beantragen, steht ein langer, beschwerlicher Papierkrieg bevor. Ein Krieg, den er wohl auch aufgrund seines Drogenkonsums nur schwer gewinnen kann. Patrick steht sich auch selbst im Weg.


Er weiß grundsätzlich, an wen er sich wenden kann, wenn er aus der Misere raus will. Es gibt in Freiburg die Straßenschule und die Jugendberatung, zwei Organisationen speziell für die Anliegen junger Menschen. „Bei der Jugendberatung war ich vor kurzem erst. Meine Mutter hat ja alle meine Papiere und ich hab mich da beraten lassen. Die meinten eben, ich könnte vor das Familiengericht ziehen und meiner Mutter das Sorgerecht entziehen lassen.“ Die Eltern einer guten Freundin, würden das Sorgerecht übernehmen, bis er volljährig ist und dann arbeiten kann. „Das sind noch anderthalb Jahre. Das schaffe ich schon irgendwie. Zweieinhalb Jahre habe ich ja schon geschafft.“ Aber die Menschen müssen natürlich auch bereit sein, Hilfe anzunehmen.

 

Nazis prügeln Stefan halbt tot


Das ist nicht immer so einfach, wenn man zum Beispiel wie Stefan meint, das Vertrauen in Menschen und Staat verloren zu haben. Der 27-jährige Punk lebt seit er 14 Jahre alt ist auf der Straße, ursprünglich kommt er aus Berlin. Er ist damals abgehauen, weil er frei sein wollte. Er hatte kein Bock auf das „Spießerleben“ seiner Adoptiveltern, wie er sagt. Die Freiheit, die er suchte fand er in der Punkszene. „Mit 14 war das sehr hart, ich musste schauen, wo ich Essen herbekomme, hab dann zum Teil aus Mülleimern gegessen und geklaut, denn an irgendwelche Anlaufstellen kann man sich nicht wenden, die bringen dich nur wieder zu deinen Eltern“, erzählt er, „das wird aber zur Routine. Man schaut halt wie man durch kommt, schläft in Kartons, Wohnwagen oder besetzten Häusern.“ Große Ansprüche stellt man laut Stefan eher nicht. „Außerdem sind die Leute ja für dich da. Die Szene war wie eine große Familie. Eine Hand wäscht die andere.“ Manchen gibt die Straße, also das was sie suchen, aber sie hält auch viele negative Überraschungen bereit. In Berlin hat er lange am Bahnhof Zoo gelebt. Kokainhandel war seine Einnahmequelle. „Kriminalität ist da einfach Gang und Gebe und man passt sich an.“ Dort erlebte er auch sehr viel Hass und Gewalt. Am durch den gleichnamigen Film bekannten Bahnhof Zoo ist Stefan einmal von Nazis verprügelt worden. Noch heute hat er eine lange Schnittwunde am Hals, die von dem Zusammentreffen zeugt. „Wäre der Rettungshelikopter nicht gekommen, wäre ich verblutet“, ist sich der 27-Jährige sicher. Das System, das er so hasst, hat ihm das Leben gerettet.


Stefan bezeichnet sich selbst als Dreck, als „Abschaum der Gesellschaft“. Alleine habe man keine Chancen zu überleben, in einer Gruppe sei es leichter. „Ich lebe nach dem Gesetz der Straße, nicht nach dem des Staates.“ Das „Gesetz der Straße“ ist ein Ehrenkodex, wie zum Beispiel, dass man die Leute beim Schnorren nicht zu sehr belästigt oder wenn man Platte macht, ein Szenenausdruck für draußen schlafen, seinen Schlafplatz sauber hält.

 


Im Grunde will aber auch Stefan zurück ins „normale“ Leben – allerdings fühlt er sich dabei alleingelassen: „Die Unterstützung für Leute wie mich ist fast gleich null. Ich habe meinen Schulabschluss nachgemacht und fange bald eine Therapie wegen meiner Alkoholsucht an. Ich bin müde von Straße.“ Er wünscht sich sogar Kinder. „Dafür würde ich alles hinter mir lassen“, behauptet er. Eine achtjährige Tochter hat er schon. Für sie hat er den angekündigten Schritt paradoxerweise bislang nicht in Angriff genommen. Die Mutter verbietet ihm den Kontakt. „Weil welchem Kind möchte man sagen, dein Vater ist ein Obdachloser“, zeigt er zumindest dafür Verständnis. Er hofft, dass er sie eines Tages dennoch kennenlernen kann. „Vielleicht kann ich ihr bis dahin auch etwas bieten“, seufzt er. Die Straße hat ihre Spuren hinterlassen und sein größtes Ziel sei es, endlich zur Ruhe zu kommen. „Mein Leben war wild genug. Jetzt muss ich mich erst noch ein paar Wochen vor den Bullen verstecken, bis ich die Therapie anfangen kann.“ Gegen ihn liegen angeblich insgesamt 44 Haftbefehle vor. Stefan ist auch ein Beispiel dafür, wie man sich durch den Umzug auf die Straße selbst aus der Gesellschaft ausgrenzen kann.


Die Anlaufstelle für wohnungslose Jugendliche
wie Patrick wäre in Freiburg die Straßenschule. Hier gibt es für junge Menschen die Möglichkeit, sich zu duschen, sie bekommen Beratung und Unterstützung und sie können sich sogar eine Postadresse einrichten lassen. Doch natürlich müssen sich die Jugendlichen helfen lassen wollen, was bei vielen nicht so einfach ist. Sie stecken – wie auch Patrick – in der Drogenszene, oder wollen – wie Stefan – ihre Freiheit und haben das Vertrauen in Erwachsene und unsere Gesellschaft verloren. Auch im Ferdinand-Weiß-Haus an der Ecke Ferdinand-Weiß-Straße/Eschholzstraße finden Menschen wie Patrick und Stefan professionelle Hilfe.


Ihnen tatsächlich zu helfen – insbesondere als Privatperson – ist schwer. Sie aber einfach zu ignorieren und nicht zu sehen, sicher der falsche Weg. Sie wollen wahrgenommen werden, dafür reicht schon ein Lächeln oder ein „Hallo!“ Das kostet nichts und gibt ihnen viel. Und vielleicht gibt es ihnen sogar ein Stück weit den Glauben an die Gesellschaft zurück und hilft ihnen, eines Tages wieder zurückzukommen. Wenn sie es denn wollen.



*Namen geändert

 
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