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Leute & Leben

Wenn sich die Seele quält. Was die Borderline-Erkrankung mit dem Leben junger Menschen macht

Marie* ist Borderlinerin. Bei einem Menschen, der an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) leidet, kann sich die Persönlichkeit in Bruchteilen einer Sekunde von „gut“ auf „böse“ oder anders herum verändern. Der Betroffene kann nichts dagegen tun. Nicht wenige BPS-Patienten leiden zudem auch unter Depressionen oder fügen sich selbst Verletzungen zu. Etwa zwei Prozent der deutschen Bevölkerung, also mehr als 1,5 Millionen Menschen, sind von BPS betroffen. Insbesondere unter jungen Leuten ist die Störung sehr verbreitet. Borderline-Patienten können oft ein nach außen ganz normales Leben führen. Die BPS entwickelt sich langsam von der Kindheit oder Jugend an. Marie lebt in Berlin und versucht mithilfe einer Therapie herauszufinden, warum sie an BPS erkrankt ist. Die Freiburger Oberärztin Professor Alexandra Philipsen ist Expertin auf dem Gebiet. Sie glaubt, dass es manchmal gar nicht darauf ankommt, genau herauszufinden, wo die Störung im Einzelnen herkommt.

 
 

„Es lief immer alles gut, meine Krankheit hat sich nie in unsere Beziehung eingemischt“, etwas bedrückt berichtet Marie von ihrer bis dato letzten Beziehung. Mehr als drei Jahre war die 16-Jährige mit ihrem Freund zusammen – über die Krankheit hat sie aus Angst vor seiner möglichen Reaktion nie mit ihm geredet. „Dann, eines Tages hat er mich massiert, wie er es schon oft getan hat. Dabei hat er über seinen Chef geredet, die beiden hatten grade Streit.“ Plötzlich überkommt Marie das Gefühl, erdrückt zu werden: „Er wurde schwerer und schwerer, ich bekam Platzangst.“ Sie stößt ihn weg, packt ihre Sachen und verlässt weinend den Raum. „Seit diesem Abend habe ich jeden Kontakt zu ihm abgebrochen, nie wieder was von ihm gehört. Es war der schlimmste Tag meines Lebens.“


Marie leidet seit einigen Jahren an einer Persönlichkeitsstörung – der Anfangszeitpunkt lässt sich nur schwer festsetzen. Oft erleiden Menschen in frühester Kindheit eine Art Trauma – das kann eine Misshandlung oder ein Unfall sein aber auch das Mitbekommen von Gewalt zwischen den Eltern, Mobbing in der Schule oder zu wenig erfahrene Fürsorge. Das kann zunächst einmal zu Albträumen, Depressionen, Schlafstörungen oder ähnlichen Symptomen führen. Es baut sich ein Berg unguter Dinge im Inneren des Menschen auf.


„Die Borderline-Erkrankung kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein“
, erklärt Alexandra Philipsen, die an der Uniklinik die Forschungsgruppe für Borderline-Persönlichkeitsstörungen und ADHS im Erwachsenenalter leitet, „es gibt Patienten, die im Berufsleben damit gut klarkommen, aber im Privatleben Probleme haben. Sie gehen dann etwa keine oder sehr instabile Beziehungen ein. Manche sind aber auch sehr stark beeinträchtigt, so dass sie auch beruflich keinen Fuß auf den Boden kriegen.“

 

„Ich fühle mich nicht behindert.“



Marie hat Glück, denn ihre Krankheit wirkt sich nur eingeschränkt auf ihr Leben aus. „Ich fühle mich nicht als gestört oder behindert“, erzählt sie, “ich fühle mich ganz normal wie jeder andere Mensch, nur reagiere ich in manchen Situationen anders.“


Diese Situationen können überall und jederzeit auftreten: Zuhause, in der Schule, im Kino, alleine oder unter Menschen. „Ich fühle mich dann bedrängt, eingeengt und ich sehe keinen Ausweg. Ich bekomme Angst“, verdeutlicht Marie ihre Gefühlswelt in solchen Momenten. Damit so eine Trauma-Situation aus der Vergangenheit nicht ein weiteres Mal auftritt, versucht Maries Unterbewusstsein, sie davor zu schützen, indem es ihre Persönlichkeit verändert. Sie ist dann von einem Moment auf den anderen der Person gegenüber abgeneigt oder verschlossen. Die 16-Jährige merkt diese Veränderung nicht, sie sieht sie nicht kommen oder ansteigen. Sie merkt es erst, wenn sich die Persönlichkeit bereits verändert hat.



Die Attacken sind unkontrollierbar.



„Wenn ein Patient oder eine Patientin es hinbekommt, einen bevorstehenden Anspannungszustand zu erkennen, ist schon viel gewonnen“, weiß auch Philipsen, „gewöhnlich kommen die Attacken aber sehr stark über sie und sind zunächst unkontrollierbar.“ So ist es auch bei Marie. „Es kommt einfach wie es will und ich kann nichts dagegen tun“, sagt die 16-Jährige.


Therapien zielen auch darauf ab, solche Anspannungszustände zu erkennen und damit umgehen zu können. „Man kann lernen, solche Momente zu kontrollieren“, macht die Freiburger Oberärztin BPS-Patienten Hoffnung. Die angewandten Verfahren beinhalten den Umgang mit Emotionen, den Umgang mit dem Drang zur Selbstverletzung und auch den Umgang mit dem Gedanken, sich selbst töten zu wollen. „Mit diesen Therapien können ganz gute Ergebnisse erzielt werden“, berichtet Philipsen.

 

 

Seit knapp vier Jahren hat Marie den ärztlichen Bescheid, der bestätigt, dass sie an BPS leidet. Die gebürtige Berlinerin hat bislang versucht, die Diagnose zu ignorieren. Inzwischen ist aber auch sie überzeugt – sie will sich behandeln lassen und in eine Therapie gehen. Und das rät sie auch anderen. Jeder, der Anzeichen auf eine instabile Persönlichkeit bemerkt, soll ihrer Meinung nach einen Test machen oder wenn sogar ein Attest vorliegt, sich in ärztliche Behandlung begeben: „Sonst kann man sein gesamtes Leben kaputt machen!“


Anzeichen für BPS „können Selbstverletzungen, starke Stimmungsschwankungen und instabile zwischenmenschliche Beziehungen sein“, stellt Philipsen klar. Allerdings bedeuten diese Symptome nicht zwangsweise, dass jemand auch ein Borderliner ist.


Die Chancen, dass das Leben eines BPS-Patienten nach einer Behandlung besser wird, stehen laut der Freiburger Ärztin relativ gut: „Die Prognosen sind viel besser, als man früher gedacht hat. Etwa der Hälfte der Betroffenen kann gut geholfen werden. Nur bei zehn bis zwanzig Prozent ist es wirklich schwierig.“ Wichtig sei vor allem, dass die Patienten Durchhaltevermögen zeigen. „Die größte Schwierigkeit besteht darin die Patienten bei der Therapie zu behalten“, meint Philipsen. Die Abbruchquote einer Therapie ist leider häufig noch extrem hoch. Der absolute Wille fremde Hilfe anzunehmen ist zumindest eine gute Grundvoraussetzung. Marie bringt diese – inzwischen – mit.



*Name geändert

Vincent Beran

 


FAKTEN:

- Die Quote der Erkrankungen bei jungen Menschen zwischen 15 und 20 Jahren liegt bei vier bis fünf Prozent.
- 80 Prozent der Borderline-Erkrankten fügen sich selber Schaden zu (Ritzen o.ä)
- Dreiviertel aller von BPS betroffenen unternehmen Suizid-Versuche.
- Dreiviertel der Betroffenen, die sich in Behandlung begeben, sind weiblich.


Quelle & weitere INFOS: www.grenzwandler.org

 
 

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