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Leute & Leben

„Ich fühle mich wie auf dem Mond“ / Schüler erzählen von ihrer wichtigsten Austausch-Erfahrung

Volle Schulordner, Postkarten, Flyer und einen ganzen Berg Erinnerungen, das und vieles mehr bleibt von einem Auslandsaufenthalt übrig. Doch welche Momente sind rückblickend besonders wichtig, berührend oder beeindruckend gewesen? Ann-Kathrin (16 Jahre), Eva (17) und Lara (18) erzählen von den Momenten, die ihnen von ihren Reisen nach Frankreich, Bolivien und in die USA vielleicht am eindrücklichsten in Erinnerung geblieben sind.

 
 

Der letzte Abend in Paris

 

Ann-Kathrin Friedrich erlebte ihren eindrucksvollsten Moment in der französischen Hauptstadt Paris. Das Abschiedsessen mit ihrer Gastfamilie, bei dem ihre Eltern aus Deutschland zu Besuch waren, bescherte der 16-jährigen Freiburgerin einen der besten Augenblicke in Frankreich.


Wir essen. Eigentlich ein ganz gewöhnlicher Abend. Meine Familie und Freunde haben sich versammelt und verbringen einige schöne Stunden miteinander. Wie gesagt, eigentlich alles normal und doch irgendwie ganz anders.


Meine Mama spricht mit Händen und Füßen mit meiner Gastmutter. Beide tauschen sich über meine Zeit in Paris und kleine Anekdoten aus. Sie kann nicht wirklich gut Französisch, Agnès genauso wenig Deutsch – für mich treffen in dem Moment zwei Welten aufeinander. Meine Gastmutter erzählt schmunzelnd, wie ich einmal den Schulgong überhört habe und zu spät zum Unterricht gekommen bin. Auf dem elftbesten Gymnasium in Frankreich ist das eigentlich ein No-Go, bei mir anscheinend nicht, da meine Lehrerin mich freudig empfing. Agnès beginnt zu grinsen und alle fangen an zu lachen. Meine Eltern sind extra aus Deutschland angereist, um mich abzuholen und auf einmal sitzen beide Kulturen an einem Tisch. Um ehrlich zu sein ist es seltsam, meine Eltern nach drei Monaten wieder zu sehen. Ich hatte Angst, dass sie mit der neuen Sprache nicht zurechtkommen würden. Meine Bedenken verfliegen jedoch in diesem Moment komplett – die Stimmung ist prima.


Es ist mein letzter Abend in Paris. Den Tag vor meiner Abreise verbringe ich mit den Menschen, die mir wichtig sind. Es ist wunderbar zu sehen, wie sich alle – trotz Sprachbarrieren – miteinander verstehen.


Alle sind so froh, dass wir uns kennengelernt haben. Das macht den Abschied für mich nur noch schwerer. Nun gehöre ich wirklich dazu, zu meiner neuen Familie und zu einem neuen Freundeskreis. Ich kann von Glück sprechen, solch eine Zeit in Paris verbracht zu haben. Zuletzt bekomme ich zum Abschied ein Armband mit einem Schmetterlingsanhänger geschenkt. Es ist mein Lieblingstier. Meine Freundin Anna überreicht mir ein Reisetagebuch für das nächste Mal, wenn ich wieder da bin. Ich bin mir ganz sicher: Ich komme zurück.

 

"Natürlich falle ich auf als einzige Weiße"

 

Die Freiburgerin Lara Walter sammelte während ihres fünfwöchigen amerikanischen Schüleraustauschs in Sylvania, Georgia, eine Menge neuer Erfahrungen. Die 18-Jährige erlebte dort, wie es ist, die einzige Weiße zu sein in einer Region, wo fast nur farbige Menschen leben und lernte eine völlig andere Kultur kennen.


Es ist vier Uhr morgens. Eigentlich viel zu früh, um zur Kirche zu fahren. Doch meine Gastschwestern, meine Gastoma und ich wollen heute bei dem Projekt „April Angel Food Menus“ mithelfen. Das ist eine regionale Aktion, bei der wir Hilfsbedürftigen Essen für wenig Geld verkaufen. An der Kirche angekommen gehen wir in den Gemeindesaal, wo die anderen Freiwilligen schon an der Arbeit sind. Wir fangen an, Essen in Pakete zu verteilen.
Nach einer Weile macht es mir richtig Spaß. Ich habe das Gefühl, dass ich zum ersten Mal etwas zurückgeben kann von der Herzlichkeit und all den Geschenken, die ich hier erhalten habe.


Als ich das letzte Paket gerichtet habe, helfe ich den anderen mit, sie in ein Auto zu laden. Der Fahrer sieht mich überrascht an und fragt, wer ich denn sei. Es war ja klar, dass ausgerechnet ich das gefragt werde. Natürlich falle ich auf als einzige Weiße hier. Und daran werde ich ständig erinnert. Bevor ich antworten kann, sagt der Pastor: ‚Das ist die Tochter der Familie Hunter’. Die Helfer stimmen ihm zu: ‚Amen’.


Was für eine nette Geste des Pastors, mich über alle Unterschiede hinweg als festes Familienmitglied zu bezeichnen. Es fühlt sich toll an, dass Menschen, egal welche Hautfarbe sie haben, gemeinsam etwas verbessern wollen in unserer Gesellschaft. Und ich gehöre dazu.“

 

"Ich fühle mich wie Neil Armstrong"


Eva Kickhöfen hat während ihres dreimonatigen Bolivien-Austauschs eine kleine Reise durch das Landesinnere gemacht. Dabei ist die 17-Jährige in Sucre auf den Wegen der Inkas gewandert, in Potosi bei 35 Grad durch eine Silbermine gerobbt und hat in Uyuni den größten Salzsee der Welt mit einem Jeep überquert.


Meine kühle Haut saugt begierig die Sonnenstrahlen auf, die von dem großen weißen Spiegel reflektiert werden, auf dem unser Jeep langsam aus Uyuni hinaus in die Salzwüste rollt. Vom gleißenden Licht geblendet, verlasse ich, bewaffnet mit einer Sonnenbrille, das Auto und fühle mich wie Neil Armstrong, der sich aus seinem Raumschiff heraus in eine ganz neue Welt begab. Während ich begreife, dass mein Bolivienaufenthalt gerade seinen absoluten Höhepunkt erreicht, werden wir schon wieder ins Auto gepackt und der Fahrer verspricht uns unsere erschöpften, salzigen Leiber endlich zur Unterkunft zu bringen. Während meine Augen hoffnungsvoll nach einem kleinen Hotel Ausschau halten, bleibt unser Jeep vor einer ärmlichen Hütte stehen. Das lehmige Braun der Wände verschwimmt mit dem Schwarz der Nacht und das Dach aus Stroh wirkt unter dem Schein der Taschenlampe als würde es glühen. Diese verschwindet jedoch mitsamt unserem Guide in der Küche und wir bleiben im Dunkeln mit der Information zurück, dass wir erst wieder in ein paar Stunden elektrisches Licht haben werden. Und wie das Licht die Motten, so zieht uns der karge Kerzenschein in den kleinen Essensraum, wo bereits einige Touristen zitternd auf die Mahlzeit warten.

Kaum im Raum, scheint mein Tag auf unerwartete Weise noch surrealer zu werden: Nicht nur der Fußboden, sondern auch Bänke und Tische sind aus Salz gefertigt. Als meine Gastmama dem entsetzten Blick folgt, sehe ich ihre weißen Zähne lachen und ihre Worte: „Der günstigste Rohstoff hier“ verklingen im Dunkeln. Nachdem wir unsere hungrigen Mägen mit ein paar Keksen und unsere frierenden Körper mit ein paar Tassen Koka-Tee betäubt haben, wünscht sich keiner von uns etwas sehnlicher als einen erholsamen Schlaf. Spätestens nachdem wir bemerkt haben, dass unsere kleine Hütte weder elektrischen Strom, noch funktionierende Sanitäranlagen oder gar luftdichte Wände hat, geben wir unseren Wunsch auf.

Ich lege mich, bekleidet mit dem gesamten Kofferinhalt, in mein salziges Bett. Nach einer eisigen Nacht und einem mageren Frühstück treibt der Guide uns zum Aufbruch an. Als einen Moment puren Luxus empfinde ich es, im Jeep endlich Luft zu atmen, die nicht unter dem Gefrierpunkt zu liegen scheint. Kaum sitzend, fallen mir dann auch schon die trägen Augenlieder zu und mein müder Mund haucht noch ein glückliches „Viva Bolivia!“, bevor ich endgültig einschlafe.“

 
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