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Leute & Leben

Kleiner Mann, großes Herz // Interview mit Florian, in dessen Brust ein neues Organ den Takt vorgibt

„Schuhe aus und bitte hier die Hände desinfizieren. Florian, du hast Besuch!“ An der Tür empfängt die Mutter des vierzehnjährigen Florian Rittemann die Besucher, und führt sie in sein Zimmer. Florian ist klein für sein Alter, nur knapp 1,35 Meter. Bis vor kurzem litt er an einer Fehlbildung der großen Arterien, dem so genannten angeborenen Herzfehler „Double-Outlet Left-Ventrikel“. Durch die Unterversorgung seiner linken Herzklappe, war Florians Körperkreislauf stark beeinträchtigt. Dann, im Juli 2013, kam die glückliche Nachricht: Ein neues Herz war gefunden. Die Operation lief gut und Florian verbrachte einige Monate in der Nachsorgeklinik Tannheim. Jetzt ist er wieder zu Hause und geht sogar zu Schule. Im Interview mit den f79-Reporterinnen Miriam Bednarz und Joke Benitz, erzählt der 14-Jährige über seine Krankheit, seine Zeit in der Reha und seine Pläne für die Zukunft.

 
 
f79: Hallo Florian, wie geht’s?
Florian: Gut! Ich bin noch nicht auf dem besten körperlichen Niveau, aber das werde ich erreichen. Ich bin sozusagen noch im Aufbautraining und bin schon viel Aktiver als unmittelbar nach der OP. Ich spiele Fußball und fahre Fahrrad.
f79: Wie war das vor der Transplantation?
Florian: Ich war komplett kaputt, jede kleinste Aktivität war viel zu anstrengend. Wanderungen mit meiner Familie zusammen, gingen zum Beispiel nur mit Buggy. Alles wurde sehr schnell anstrengend.
f79: Wurdest du schneller krank?
Florian: Das kam dann eher nach der Transplantation, weil ich Immunsuppressiva nehmen muss. Das sind Tabletten die das Immunsystem unterdrücken, damit mein Körper das fremde Organ nicht abstößt. Morgens stehe ich immer um acht Uhr auf und muss dann pünktlich die Tabletten nehmen, sonst wird es lebensgefährlich.
f79: So eine Krankheit wirkt sich sicher auf die Psyche aus. Wie bist du mit der Situation umgegangen?
Florian: Viele Menschen, die ich kenne, sagen, ich sei ein sehr positiver Mensch. Ich denke immer; „das wird schon irgendwie wieder gehen!“ Ich habe einfach immer versucht das Beste draus zu machen.
f79: Hattest du viel Unterstützung von Freunden und Bekannten?
Florian: Meine Freunde haben mir in der Schule sehr geholfen, zum Beispiel wenn ich nach der sechsten Stunde zu erschöpft war und der Nachmittagsunterricht anstand, dann haben sie mir den Schulranzen getragen. Meine Verwandten sind einfach immer da gewesen, wenn ich sie gebraucht habe, und wenn ich krank war sind sie einfach gekommen und haben mich unterstützt.
f79: Welches Gefühl hattest du, als du erfahren hast, dass ein Herz auf dich wartet?
Florian: Das war ein Freitag, ich kann mich sogar genau an die Uhrzeit erinnern. Wir waren auf der Rückfahrt von einem Klassenausflug. Dann hat mein Papa angerufen; „Okay Flo, du darfst jetzt nichts mehr essen! Ich hol dich vom Bahnhof ab. Das Herz ist da!“ Das Gefühl war erst mal Schock, dann Freude, dann hab ich angefangen zu weinen, weil alles zusammen kam. Ich bin zu meinen Freunden gegangen; „Ich bekomme ein Herz! Was soll ich jetzt machen?“ Mein bester Freund war total besorgt, weil er dachte ich weine vor Angst, aber er hat dann gemerkt, dass es Freudentränen waren. Einen anderen Freund musste ich dann später selber trösten, weil er selbst angefangen hat zu weinen. Ich war so überwältigt, die Angst kam dann erst später in der Chirurgie.
f79: Dein neues Herz ist etwas zu groß, macht das einen Unterschied?
Florian: Nach der OP lag ich erstmal fünf Tage im Koma und mein Brustkorb war noch offen, weil das Herz nicht genug Platz hatte. Dann bin ich auf 20 Kilo abgemagert und bei jedem Pumpen des Herzens hat mein ganzer Körper gezuckt. Aber eigentlich ist es nicht so ein großer Unterschied. Man merkt es, wenn ich mich bei meiner Mama anlehne, dann spürt man meinen Herzschlag überall. Aber das Herz hat sich schon meiner Größe angepasst, und jetzt wächst es wieder ganz normal mit mir mit.
f79: Wie alt war dein Spender beziehungsweise dein Herz?
Florian: Das weiß ich nicht, weil 2012 ein Gesetz beschlossen wurde, dass man die Familie des Spenders erst nach zwei bis drei Jahren kennen lernen darf, und auch nur wenn sie das von sich aus wollen. Das ist alles total anonym.
f79: Wie ist das Gefühl mit einem „fremden“ Herz zu leben?
Florian: Am Anfang war es komisch zu wissen, dass ich jetzt ein anderes Herz im Körper habe, aber ich habe mich daran gewöhnt. Es ist nicht wie ein Stein im Schuh oder so, sondern ganz normal. Das ist jetzt mein Herz.
f79: Wie war die Zeit in der Nachsorgeklinik Tannheim?
Florian: Also es hat mir sehr gut gefallen! Tannheim ist einfach klasse, da hat man viel Freizeit und macht trotzdem gesundheitliche Fortschritte. Man ist dort gut versorgt und fühlt sich sicher, aber es ist nicht so, dass immer überall Ärzte herumlaufen. Der Tag geht dort um acht Uhr Morgens los, dann gibt es so etwas wie Unterricht und Nachmittags Krankengymnastik, Physiotherapie und Sport. Am Wochenende konnten mich meine Freunde besuchen und ich konnte auch Reitstunden und Malkurse und so was machen.
f79: Glaubst du, dass du durch das, was du erlebt hast, reifer geworden bist oder eine andere Einstellung zum Leben hast als andere 14-jährige?
Florian: Das ist schwer zu beantworten. Meine Eltern sind jahrelang mit mir von einem Arzt zum anderen gerannt und es hieß immer; „Nein, wir können nichts machen, das geht nicht.“ Und dann haben wir endlich Frau Dr. Stiller gefunden, die mir dann helfen konnte. Ich habe einfach mehr erlebt und durchgemacht als andere in meinem Alter.
f79: Gibt es einen Beruf oder eine Aktivität, die du aus gesundheitlichen Gründen später nicht machen kannst?
Florian: Müllmann könnte ich wegen der ganzen Keime nicht machen, Fußballprofi und Extremsportler könnte ich auch nicht werden, das ist einfach zu belastend.
f79: Was planst du für die Zukunft?
Florian: Als erstes will ich größer werden, meine Klassenkameraden sind teilweise zwei Köpfe größer als ich. Und dann will ich Abitur machen und Medizin studieren. Ich möchte Kardiologe werden und eine Familie gründen, ganz normal eben.
 

Florian geht es von Tag zu Tag besser, er macht immer mehr Fortschritte und verfolgt Schritt für Schritt seine Ziele. Seine Krankheit und das Glück ein neues Herz zu haben, haben ihn geprägt. Er sieht das Leben mit etwas anderen Augen und erfreut sich an vielen Dingen, die für uns selbstverständlich sind. Er ist eben ein kleiner Mann mit großem Herz, der nie aufgibt.
In Deutschland wird jedes 100. Baby mit einem Herzfehler geboren. Um Kindern wie diesen zu helfen, muss man nicht viel tun. Jeder ab sechzehn Jahren kann sich auf www.organspende-info.de, einen Organspendeausweis herunterladen und ausfüllen. Ein kleiner Aufwand, der viel bewirken kann.

 


 
 
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