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Leute & Leben

Malek und Fouad sind vor dem Krieg geflohen

Deutschland war 2015 das Ziel von rund einer Million Geflohener. Viele davon kommen aus Syrien, sie flüchten vor dem Krieg in ihrem Land. So erging es auch den Brüdern Fouad (24/grün-weißer Pulli) und Malek Kassem (23/schwarzes T-Shirt) aus der syrischen Stadt Daraa. Sie leben mittlerweile mit ihren Eltern, ihren Geschwistern, Fouads Frau und seinem Sohn in Freiburg. f79-Autor Lionel Bokeli hat sie im Flüchtlingswohnheim getroffen.

 
 

Unweit der Straßenbahnhaltestelle Runzmattenweg liegt das Flüchtlingswohnheim an der Bissierstraße. Rund 400 Menschen leben dort. So auch Fouad Kassem aus Syrien. Der 24-Jährige teilt sich dort ein Zimmer mit zwei weiteren Flüchtlingen. Rund neun Quadratmeter haben die drei zum Leben. An der Rückseite des Heims ist eine improvisierte Sitzecke. Dort erzählen Fouad und sein Bruder Malek auf alten, ausgedienten Bürostühlen von Flucht, Angst und Hoffnung. Ringsherum liegen leere Flaschen, Plastikbecker und Verpackungen auf dem Boden. Ein trauriger Ort unter Bäumen, von der Wohnanlage mit einem Gitter getrennt. Doch für Malek und Fouad einer der wenigen Rückzugsräume – hier können sie ungestört reden.

Malek ist vor vier Jahren aus Syrien geflohen. Über die Türkei und Griechenland kam er nach Italien. „In unserem Land ist alles kaputt, man lebt vielleicht nur ein Jahr“, sagt der sportliche junge Mann bedrückt. Sein Ziel: Deutschland. Zunächst kam er allerdings nur bis Italien, wo ihm Polizisten gegen seinen Willen Fingerabdrücke abnahmen. Damit war Malek dort als Flüchtling registriert – eigentlich muss er somit in Italien bleiben.

Ein Jahr und zwei Monate verbrachte Malek in Italien, zeitweise ohne Dach über dem Kopf. Mit einem kleinen selbst gemachten Wörterbuch lernte er wie besessen Deutsch – auch auf der Straße. Dann schlug er sich nach drei Jahren Flucht zum Ort seiner Träume durch: Deutschland. Obwohl Malek es bis hierher geschafft hat, musste er in Freiburg lange um seinen Aufenthalt bangen. Er war hier nur geduldet, ihm drohte die Abschiebung nach Italien. Doch mittlerweile hat er einen Ausbildungsplatz als Chemisch-Technischer Assistent an der Walther-Rathenau-Gewerbeschule in Freiburg gefunden. Damit darf er hier bleiben.

Kämpferisch: Malek (links) und Fouad wollen sich in Freiburg eine neue Existenz aufbauen.

 

Sein älterer Bruder Fouad trat den Weg nach Deutschland ebenfalls ohne Familie an. Sogar seine Frau und seinen einjährigen Sohn musste er vorerst zurücklassen. Es dauerte drei mühselige Monate, bis Fouad Freiburg erreichte. Große Strecken legte er zu Fuß zurück, knapp versorgt mit Wasser und Lebensmitteln. Mit Hilfe eines Schleusers gelangte er durch Osteuropa, bis er schließlich Asyl in Deutschland beantragen konnte.„Nur in Deutschland, nicht wie ich in Italien“, wirft Malek lachend ein.

Die Geschwister sind erleichtert. In Deutschland finden sie Sicherheit, Zuflucht und eine intakte Infrastruktur. Doch das Leben im Flüchtlingsheim ist schwer – und vieles ist neu für sie. „Solche Krankenhäuser wie hier oder Straßenbahnen, so etwas gibt es nicht in unserem Land“, sagt Malek. Glücklich macht sie vor allem, dass mittlerweile die ganze Familie nachgekommen ist – nach einer abenteuerlichen Flucht. Dafür haben die Eltern ihren Bauernhof in Syrien verkauft. Umgerechnet mehr als 30.000 Euro bekamen sie dafür. Den Großteil des Geldes zahlten sie für die Flucht, bei der sie auch überfallen wurden.

Mittlerweile leben die Eltern mit zwei weiteren Geschwistern von Malek und Fouad im Flüchtlingswohnheim an der Hammerschmiedstraße in Littenweiler. Wirklich gut geht es ihnen dort nicht. „Sie haben keinen Platz“, sagt Malek, der sich große Sorgen um seine Familie macht und selbst schnellstmöglich aus der Massenunterkunft raus will. Er wohnt im Flüchtlingsheim in der Mooswaldallee. „Ich kann hier nicht in Ruhe lernen“, sagt Malek immer wieder. Sein Zimmer teilt er sich mit zwei weiteren Syrern. Die Stimmung ist gedrückt.

Fouad und Malek stehen in Deutschland vor zahlreichen Hindernissen: Nach wie vor kämpfen sie um ihre Existenz. Das Geld ist knapp, die Sorge um ihr Land groß. Die Verständigung im fremden Deutschland fällt schwer, manchmal kommt es im Wohnheim zu Konflikten.„Einer pakistanisch, einer afghanisch, einer syrisch“, zählt Fouad auf. „Welche Sprache sollen sie sprechen?“, fragt Malek. Die Räume sind klein und nur mit dem Notwendigsten ausgestattet. Fouad zeigt nur ungern sein Zimmer, in dem er mit zwei anderen Flüchtlingen wohnt. Es ist unaufgeräumt, Fliegen surren durch die Luft. Auf seinem Bett liegt Gerümpel. Man merkt: Hier will er nicht leben.

 

Unzufrieden: Fouad fühlt sich in seinem Zimmer im Flüchtlingswohnheim nicht wohl.

 

Beide suchen dringend eine Wohnung – selbst für Freiburger ein schweres Unterfangen. Hinzu kommt, dass die Geschwister in Freiburg kaum Geld verdienen können. Doch Malek, der in Syrien Mathematik studiert hat, ist auf einem guten Weg: Seit August macht er nun die Ausbildung zum Chemisch-Technischen Assistenten. Auch Fouad will eine Ausbildung machen. Um sein Deutsch zu verbessern, besucht er einen Sprachkurs. Malek spricht schon fast fließend Deutsch. An der Gewerbeschule mitzukommen ist dennoch eine Riesen-Herausforderung für ihn.

Das Leben ohne richtiges Einkommen ist schwierig: Manchmal reicht das Geld kaum für ein Straßenbahnticket, um zur Flüchtlingsunterkunft der anderen Familienmitglieder zu fahren. Fouad hat ein weiteres Problem: Er darf seine Frau und seinen Sohn nur für ein paar Stunden am Tag sehen. Das Mädchen, das er in Syrien geheiratet hat, ist erst 16 Jahre alt. Da sie minderjährig ist, darf er in Deutschland nicht mit ihr als Ehemann zusammenleben. Sie wohnt getrennt von ihm bei einer deutschen Gastfamilie. „Das ist schlecht, richtig schlecht“, sagt Fouad. Er erzählt, wie sein Sohn jedes Mal weint, wenn die junge Familie wieder auseinandergehen muss. Es bricht ihm das Herz.

Trotz der misslichen Lage Syriens haben Malek und Fouad ihre Heimat nicht aufgegeben. „Wenn unser Land wieder gesund ist, gehen wir zurück. Das ist unser Land, wir sind dort geboren“, sagt Malek. Doch auch sie wissen, dass die Auseinandersetzungen und das Leid wohl nicht in absehbarer Zeit enden werden. Deshalb versuchen sie in Deutschland Fuß zu fassen und das Beste aus ihrer Situation zu machen. Immerhin haben sie sich, geteiltes Leid ist schließlich halbes Leid.

Malek mit seiner Mutter (links), als sie endlich auch in Freiburg angekommen ist. Auf der Couch sitzen Malek und Fouad mit Verwandten, die
auch in Freiburg leben. Fouad zeigt sein Zimmer im Flüchtlingswohnheim.

 

Vereint: Malek und Fouad mit ihrer Familie in Freiburg.

 

Eine Million Flüchtlinge

Mehr als eine Million Flüchtlinge sind im Jahr 2015 nach Deutschland gekommen. Bis Ende November wurden bereits 950.000 Ankommende registriert. Fast 193.000 davon sind allein im November nach Deutschland gekommen. So viele wie noch nie in einem Monat. Wie viele Flüchtlinge in Deutschland
noch nicht registriert sind, kann keiner genau sagen. Syrer wie Fouad und Malek machten 2015 fast die Hälfte aller ankommenden Flüchtlinge in Deutschland aus.

 

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