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Leute & Leben

Vergiftet, erschossen, zerstückelt: Afrikas Elefanten sind bedroht

Stündlich sterben vier Elefanten in Afrika. Erlegt von Wilderern, die nur an ihren Stoßzähnen interessiert sind. Experten fürchten: Wenn die Gier nach dem „weißen Gold“ nicht bald gestoppt wird, werden wir diese imposanten Riesen in spätestens 20 Jahren nur noch aus Zoos oder Bilderbüchern kennen. Im Gespräch mit h20 erklärt Heike Henderson (51), die für den Verein „Rettet die Elefanten“ arbeitet, die dramatische Situation der Tiere.

 
 

h20 // Frau Henderson, sind Elefanten vom Aussterben bedroht?

Heike Henderson // Ja. Viele Experten gehen davon aus, dass die Elefanten massiv vom Aussterben bedroht sind. Jährlich werden bis zu 35.000 Tiere getötet, aber nur 20.000 geboren. Es gibt noch ca. 250.000 bis 600.000 afrikanische Elefanten in der Wildnis (die Zählungen dauern noch an). Die Wilderei geht unvermindert weiter, gerade hat man wieder von 60 toten Tieren in einem Nationalpark in Simbabwe gehört. Die Nachfrage nach Elfenbein insbesondere in Asien, hauptsächlich in China, ist enorm. Setzt sich der Trend fort, dann kann es schon in zehn Jahren soweit sein. Dennoch dürfen in einigen Regionen mit vermeintlich größeren Beständen Elefanten gejagt werden. Auch das setzt dem Fortbestand zu, weil natürlich gerade große, gesunde und prächtige Tiere gejagt werden. Die Jagd dient angeblich dem Artenschutz. Wenigstens ebenso dramatisch steht es um die asiatischen Elefanten (ca. 40.000 in der Wildnis), die zunehmend weniger Lebensraum haben und vorwiegend für den Tourismus aus der Wildnis geholt werden.

h20 // Wer profitiert von diesem „Geschäft“?

HH // Professionelle Wilderer- und Schmugglerbanden. Das Verbrechen an den Elefanten wird von vielen mit dem professionellen Vorgehen der Drogensyndikate verglichen. Es gibt den armen Mann, der zum Wilderer wird, aber wenig verdient, das große Geld aber geht an die Händler. Daneben gibt es Belege, dass sich Terroreinheiten in Afrika mit dem Geld aus dem Elfenbeinhandel finanzieren.

h20 // Was sind die Hauptziele der Wilderer und wie gehen sie vor?

HH // DNA-Analysen von beschlagnahmten Stoßzähnen haben ergeben, dass die Hauptziele der letzten Jahre zwei Regionen waren: die Waldelefanten in Zentralafrika, ihre Zahl ist um mind. 65 Prozent zurückgegangen, und der Süden von Tansania. Abgelegene Wildreservate wie das in Selous, in den denen vorwiegend Großwildjäger unterwegs sind, haben alleine seit den 70er Jahren fast 100.000 Elefanten an Wilderer verloren. Wilderer gehen meist grausam vor, Hauptsache, es geht schnell. Sind sie gut ausgerüstet, dann töten sie die Tiere schnell. Oftmals haben sie aber ungeeignete Gewehre. Sie verletzen zuerst die Jungtiere, weil die alten dann in der Nähe bleiben. Denen wird dann oft bei lebendigem Leib der Kopf mit Äxten oder Macheten abgehackt, weil die Zähne wertvoller sind, wenn sie direkt aus dem Schädel kommen.

h20 // Elfenbeinhandel galt doch seit 1989 als komplett verboten, weshalb sich damals auch ein Rückgang der Wilderei einstellte.


HH // Das stimmt, aber es gab 1999 und 2008 sogenannte Einmalverkäufe von Elfenbein-Lagerbeständen aus Afrika an Japan und China, denn die Länder sollten damit Gewinne machen können. Der Handel sollte genau kontrolliert werden. Aber das ist komplett schiefgegangen. Die Nachfrage ist explodiert, weshalb in diese „legalen“ Bestände seit Jahren wieder frischer Nachschub aus Afrika fließt. Jeden Monat werden Container mit Hunderten Stoßzähnen, die z.B. als Tee deklariert sind, in Hongkong oder Singapur beschlagnahmt.

 

Engagiert: Heike Henderson mit einem Elefanten.

 

h20 // Wenn der Handel von „altem Elfenbein“ erlaubt ist und neueres Elfenbein darunter geschmuggelt wird, kann man nicht erkennen, welches Elfenbein neu und welches alt ist?

HH // Mit dem bloßen Auge nicht, das ist das Problem. Für exakte Bestimmungen gibt es Isotopen-Analysen.


h20 // Was wird vor Ort zum Schutze der Elefanten getan? Gibt es in Afrika nicht genug Gebiete, wo Elefanten geschützt leben dürfen?


HH // Es gibt große Gebiete, die einfach nicht genug überwacht werden, weil die Mittel fehlen. Wilderer sind zum Teil mit Flugzeugen, Fahrzeugen und Nachtsichtgeräten ausgestattet und die Wildhüter nicht. Engmaschige Kontrollfahrten und Flugüberwachung (es gibt Tests mit Drohnen) müssten flächendeckend her. Und selbst in sehr gut ausgestatteten Gebieten wie z.B. Tsavo East in Kenia kommt es täglich zu Zwischenfällen. Inzwischen sind Wilderer vielerorts zu Giftpfeilen und Schlingen übergegangen, bei denen die Tiere tagelang sterben oder zur Vergiftung von Wasserlöchern mit Zyanid, was auch andere Tiere tötet. Man spricht vom Krieg im Busch, mindestens 1.000 Wildhüter sind in den letzten Jahren gestorben. Elfenbeinhandel ist sehr lukrativ und das Risiko vielerorts viel geringer als beim Drogenhandel. Nur Schutzprojekte bringen nicht genug, es müssen hohe Strafen her und die Nachfrage muss gestoppt werden.

h20 // Wie würde sich das afrikanische Ökosystem verändern, wenn es keine Elefanten mehr gäbe?

HH // Das Ökosystem hat sich vielerorts bereits massiv verändert, weil sich überall Mensch und Tier in die Quere kommen: Stichwort Human-Wildlife-Conflicts. Bei den Regionen, die noch halbwegs intakt sind, sorgen die Elefanten durch ihre Fressgewohnheiten und die weite Verteilung von Samen dafür, dass Wälder und Bewuchs erhalten bleiben. Ohne sie würden Landstriche kahl werden. Sie finden auch in den trockensten Zeiten Wasserstellen und graben sie auf, was auch anderen Tieren zugute kommt.

h20 // Eine Koalition von 22 afrikanischen Staaten hat gerade ein lückenloses Elfenbein-Handelsverbot und die Zerstörung aller Elfenbeinvorräte gefordert. Entspannt sich jetzt die Lage?

HH // Vorerst nicht, denn die „großen“ Elefantenländer Tansania, Simbabwe, Mosambik und Südafrika sind nicht dabei gewesen. Teilweise will man dort kein 100-prozentiges Verbot, weil man große Lagerbestände hat, diese möchte man nicht vernichten: Elfenbein hat derzeit den gleichen Kilopreis wie Gold.

 

Begehrt: Auch Besteck wird aus Elfenbein gefertigt

 

h20 // Was tun die Regierungen zum Beispiel in Deutschland oder in Amerika?

HH // Deutschland unterstützt verschiedene Hilfs- und Schutzprojekte und hat vorerst selbst den Handel mit antikem Elfenbein verboten. Allerdings dürfen weiterhin Jagdtrophäen aus Afrika eingeführt werden. In den letzten Jahren mehr als 300 Trophäen von Elefanten! In den USA durfte noch mit antikem Elfenbein gehandelt werden, in das insbesondere in Staaten mit hohem asiatischem Anteil viel Schmuggelware geflossen ist. Dieser Handel wird nun stufenweise verboten. China stellt den größten Abnehmer für illegales Elfenbein dar. Schlupflöcher bietet der nationale Handel, die vielen Geschäfte und Schnitzwerkstätten mit vermeintlich antikem/alten Elfenbein. China hat angekündigt, diesen nationalen Handel irgendwann verbieten zu wollen. Die Welt wartet darauf, wann das geschieht – hoffentlich in Kürze und nicht erst, wenn es zu spät ist. Daneben muss der Schmuggel gestoppt werden.

 

Info

Obwohl Afrikas Elefantenbestände durch Wilderer massiv gelitten haben, ist die Jagd auf die Grauhäuter in einigen Ländern noch immer legal. Simbabwe gibt jedes Jahr 500 Elefanten zum Abschuss frei – mehr als jedes andere Land. Neben Spanien ist Deutschland das EU-Land, das die meisten Trophäen artgeschützter Tiere importiert. Das in Deutschland für den Artenschutz zuständige Bundesamt für Naturschutz erteilt regelmäßig Einfuhrgenehmigungen für Jagdtrophäen von Elefanten, Löwen und anderen bedrohten Tieren.

Wer aktiv werden möchte, kann sich per Mail an heike.henderson@yahoo.de wenden.

Weitere Infos: Rettet die Elefanten // Afrikas e.V. // Pro Wildlife e.V. // www.reaev.de // www.prowildlife.de

 

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