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Leute & Leben

Bomben, Bangen, Badnerlied: Bassam ist nach Bötzingen geflohen

Es ging einfach nicht mehr: Bassam Alsayegh (rechts) ist mit seiner Familie aus dem Irak geflohen. Seit einem Jahr und ein paar Monaten lebt der 17-Jährige jetzt in Bötzingen, westlich von Freiburg. Die IS-Terroristen bedrohten ihn einst, weil er Christ ist. Jetzt sind seine Freunde schwer beeindruckt. Ein besonderes Lied kann er schon auswendig.

 
 

Bassams Leben steht Kopf: Noch vor einem Jahr lebte er mit seiner Familie in einem großen Haus in der irakischen Stadt Erbil. Jetzt teilt er sich mit Mutter, Vater und seinem kleinem Bruder eine 56-Quadratmeter-Wohnung in Bötzingen. Viel Platz ist nicht, Bassam muss im Wohnzimmer schlafen. Dennoch ein Luxus im Vergleich zum Flüchtlingsheim in Karlsruhe. Dort musste er einen Monat lang ausharren.

„Ich bin froh, hier in Deutschland zu sein. Niemand unterdrückt mich und meinen Glauben“, sagt Bassam. Zurück in den Irak möchte er auf keinen Fall. Angekommen ist Bassam allerdings immer noch nicht: Jede Sekunde hat er Angst, abgeschoben zu werden. Er wartet seit einem Jahr auf den entscheidenden Anruf, dass er in Deutschland bleiben darf.

Die stetige Angst, dass ihm im Irak was angetan wird, kommt nicht von ungefähr. Ein Klassenkamerad brach ihm damals die Hand, nur weil er Christ ist. Dann flüsterte er ihm ins Ohr: „Mein Vater wird mir zur Belohnung die Stirn küssen“, erzählt Bassam. Heute sagt der Geflohene: „Ich war mit ihm zu diesem Zeitpunkt drei Jahre in einer Klasse. So entwürdigt zu werden von meinem Klassenkameraden ist echt hart.“

 

Gelöst: Bassam mit Klassenkameraden und einem Lehrer.

 

Der sogenannte Islamische Staat (IS) war nur 20 Kilometer von seiner Haustür entfernt. Nachts hörte er Schüsse. „Da war es keine Frage mehr, vor dieser Unterdrückung, dem IS mit seinen radikalen Anhängern und dem Krieg zu flüchten“, sagt Bassam. Freunde und Verwandte musste er zurücklassen. Bassam ist mittlerweile glücklich in Deutschland. „Die Anfangszeit war echt schwer“, erinnert er sich. Er lebte einen Monat in einem vollen Auffanglager bei Karlsruhe, das er ziemlich unhygienisch fand. Dann kam er mit seiner Familie nach Bötzingen zu Verwandten. Am Anfang wollte Bassam die neue Wohnung gar nicht verlassen, traute sich kaum auf die Straße. Mittlerweile ist das anders.

Bassam besuchte zwei Sprachkurse und fand dadurch Anschluss. Seit diesem Schuljahr geht er auf das Breisacher Martin-Schongauer-Gymnasium in die 10. Klasse. Sein Ziel: Medizin studieren in Deutschland.

Seine Freunde sind von seinen schnellen Fortschritten beeindruckt. „Schon nach vier Monaten konnten wir uns auf Deutsch mit ihm unterhalten. Das ist unglaublich!“, schwärmt sein Bötzinger Freund Josia Rinklin. Die riesigen Fortschritte sind hart erarbeitet: „Um den Stoff zu schaffen, lerne ich fast den ganzen Tag. So hoffe ich meinem Ziel, dem Medizinstudium, näher zu kommen“, sagt Bassam.

Er ist unsicher, ob jeder so positiv über ihn denkt wie seine Freunde: „Mit direkten Vorurteilen habe ich nicht zu kämpfen. Aber ich kann nicht in die Köpfe schauen und sehen, was die Leute über mich denken.“ So richtig Anschluss hat er in der Schule noch nicht gefunden. „Alle sind zwar nett, aber halten immer ein bisschen Abstand von mir“, sagt Bassam. Trotzdem hat er durch den Bötzinger Jugendkreis Freundschaften geschlossen. Auch mit weiteren Flüchtlingen versteht er sich super. „Aus Spaß sagte ich zu Bassam, dass er, wenn er hier leben möchte, das Badnerlied auswendig können muss“, erzählt Josia Rinklin. „Nach einer Woche stand er grinsend vor mir und sang die ersten Strophen. Das war der Hammer!“

 

Alte Zeiten: Ein Foto von Bassam, als er im Irak noch lächeln konnte.

 

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