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Leute & Leben

Staub-Poesie: Staub

Die junge Freiburger Autorin Emilia Hummel hat kürzlich beim „THEO – Berlin-Brandenburgischer Preis für Junge Literatur“ mitgemacht. Unter 730 Texten zum Thema "Staub" ist ihrer als einer von zwölf ins Finale gekommen (wir berichteten). Die 15-Jährige erzählt in "Staub" von einer rauchumnebelten Begegnung am Meer. Das f79 veröffentlicht Emilias Text exklusiv.

 
 

Staub


Zerlöcherte Turnschuhe schlurfen über brüchigen Teer, die Schnürsenkel offen, schon ganz zerfranst. Auf der Straße eine dicke Schicht Staub. Der Träger dieser Schuhe, Blick auf den Boden gerichtet, wundert sich über diesen Staub, den seine Füße aufwirbeln und der sich an allem anheftet, was mit ihm in Kontakt kommt. Fein aber hartnäckig - und gut sichtbar. Die heiße Luft ist stehend, keine Chance, dass auch nur das zarteste Windchen den Staub weiterträgt.

Ein heißer Spätsommerabend. Eine schläfrige Ruhe hat sich über das französische Dorf gelegt, die Strahlen der tiefstehenden Sonne brechen sich in der staubdichten Luft. Afrikanisches Wetter, so tief im Süden. Die Straße ist sehr einsam, kaum noch Häuser, bald nur noch ein Feldweg. Aus den Taschen der Leinenhose holt er nun, jetzt, wo er sich alleine weiß, ein längliches weißes Ding, Streichhölzer. Es ist der klägliche Versuch seiner ungeschickten Finger, die frisch erworbenen Drogen in eine konsumierbare Form zu bringen. Kritisch beäugt er das Ding in seinen Händen, versucht vergeblich, die staubigen Finger am Polo seiner Schuluniform abzuwischen, um es sich dann zwischen die Lippen zu klemmen und ein Streichholz anzuzünden.

Ein tiefer Zug bestätigt seine Vermutung, mehr gezahlt zu haben als die Drogen es tatsächlich wert sind. Lässt sich schwer sagen, ob er tatsächlich raucht, was er gekauft zu haben meint oder ob es der gleiche trockene Staub ist, der seine Augen tränen lässt. Sei's drum. Auch ein kurzer Augenblick illusionärer Zufriedenheit scheint in diesen Tagen schier unbezahlbar zu sein. Gerade als er beginnt sich zu entspannen, sieht er eine Silhouette auf sich zukommen. Es ist ein älterer Mann mit einem schwarzen Hund an der Leine.

Ein wenig unbehaglich wird ihm - erst gestern hat er in der Zeitung von einem Jungen seines Alters gelesen, der nicht weit vom Dorfplatz Opfer einer Vergewaltigung geworden ist. Nicht einmal an Klischees hält man sich noch. Das Leben auf dem Land scheint so öde zu sein, dass jeder sich für seinen Komfort nimmt, was er braucht. Und wenn es aufgebraucht ist, sucht er sich eben etwas Neues. Der Hund bereitet ihm Sorgen. Er ist ein guter Sprinter, aber dieses große schwarze Ungetüm sicher ein besserer. Ob es einem Vergewaltiger egal ist, dass sein Opfer Bissspuren am Unterschenkel hat?

Er schließt die Augen, nimmt einen tiefen Zug und stößt den süßlich riechenden Rauch aus. Als er die Augen wieder öffnet, sind Mann und Hund bereits an ihm vorbei gelaufen. Das beruhigt ihn. Er merkt wie die Droge ihn verändert, ihm ein Gefühl schenkt, das er sonst so nicht zu kennen scheint. Seine Sorgen und schwarzen Gedanken exhaliert er mit dem Rauch, fühlt sich so zufrieden wie nur möglich. Positiv ist diese Zufriedenheit nicht, mehr aus Gleichgültigkeit resultierend.

Aus seiner Tasche zieht er ein paar Kopfhörer, setzt sie sich auf die Ohren, drückt auf Play. Ein ruhiger Bass wummert in seinem Ohr, es ist kaum Musik, mehr eine Art klangvolle Stille. Er nickt einem nicht existenten Gegenüber zu, summt leise mit der Musik. Zwei kleine Schritte macht er, dann bleibt er stehen. Zu seinen Füßen schwappen leichte Wellen, küssen seine Fußspitzen, waschen den Staub von den Schuhkappen. Dieser Effekt gefällt ihm.

Vorsichtig watet er tiefer in das seichte Meerwasser, bald steht er knietief. Die Wellen wogen um seine Knie, berühren leicht den Saum der Hose, wogen im exakten Takt zu den sanften Druckwellen auf seinen Ohren. Er möchte weiter in das Wasser, auch mit dem Kopf, seine Gedanken soll das salzige Wasser von diesem lästigen Staub reinigen. Die Wellen tragen ihn, er treibt auf dem Rücken hin, der Rauch füllt seine Lungen, schwängert die Luft mit seinem delikaten Geruch. Dieser Rauch steigt in den blauen Himmel, die klare Luft befreit sich aus dem festen Griff der Resignation, schwebt behaglich auf einer Höhe mit den feinen Wolken, die aus dem kondensierten Meerwasser entstehen.

Eine Welle kommt, höher als die anderen, lässt ihn untertauchen. Seine Augen kann er geöffnet lassen. Die Ohren und der Sinn betäubt von den Klängen, die nach wie vor aus seinen Kopfhörern kommen. Ekstase füllt jede Zelle seines Körpers, unbeschreiblich frei fühlt er sich. Nun schließt er also doch die Augen. Auch unter Wasser wird er komfortabel von den Wellen getragen, Woge für Woge spürt er das Wasser und die Freiheit in jedem Nerv.

„Junge, kann man dir helfen?“ Eine tiefe, raue Stimme zerstört die perfekte Illusion, lässt das Meer der Emotion zerfließen, eine unbeschreibliche Leere bleibt zurück. Die Sonne ist fast untergegangen. Über den Jungen gebeugt steht der alte Mann von vorhin. Resignierend erhebt ersterer sich von dem ausgetrockneten Feld, auf dem er gelegen hat. Der Hund beschnüffelt aufgeregt seine Fußspitzen, die immer noch staubig und armselig dreckig sind.

Eigentlich ein harmloses Tier, sehr klein, mehr noch ein Welpe als ein ausgewachsenes Tier. Der Schüler, kaum fünfzehn, hebt den Blick und schaut direkt in die grauen Augen des alten Mannes, der unweigerlich gesehen haben muss, was bis vor nicht allzu langer Zeit zwischen seinen Fingern war. Er hat ihn machen lassen, ihn nicht davon abgehalten und ist erst gekommen, als er sich den Drogen ohnehin hingegeben hatte. „Mir ist nicht zu helfen“, stößt er also heraus, die Stimme noch ganz rau und vorsichtig läuft er davon, zurück in die Routine des Alltags, in die Fänge der Tristesse. Immer noch ist die Luft dick vom Staub, lässt ihn husten und nach Luft ringen. Immer weiter läuft er, dreht sich nicht um zu dem alten Mann, läuft direkt auf den rot strahlenden Sonnenuntergang zu.

 

Die Autorin Emilia Hummel (15)

 

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