Drucken

Leute & Leben

"Ich wollte mich niemals outen“: Nico und Lena erzählen, wie es ist, homosexuell zu sein

Für Nico K.* war es jeden Morgen ein schwerer Gang zur Schule. Was passiert heute? Werde ich wieder ausgelacht oder gemobbt? Fragen wie diese kreisten ihm täglich durch den Kopf. Der 21-Jährige aus dem Freiburger Umland ist homosexuell. Genau wie Lena S.*. Die 17-Jährige ist noch heute unsicher, ob es richtig war, ihren Eltern davon zu erzählen.

 
 

„Stimmt etwas nicht mit mir?“ Nico merkte schon früh, dass er anders ist als die Jungs in seinem Alter. Für Fußball oder Autos interessierte er sich nie. In der Schule klemmte er sich an die Mädchengruppe, da er mit deren Gesprächsthemen mehr anfangen konnte. „Anfangs war das schon ein komisches Gefühl. Darum habe ich ja erst versucht, mich in ein Mädchen zu verlieben“, erzählt Nico. Er blitzte jedoch ab und merkte: So eine Beziehung ist nichts für ihn. Erst da wurde ihm klar: „Ich bin schwul.“

Mit der Erkenntnis musste er erst einmal alleine klarkommen. Es blieb sein Geheimnis – weder Eltern noch Freunde wussten davon. Erst Monate später konnte er sich engsten Freunden anvertrauen. „Die haben sich das schon gedacht. Zu Problemen kam es deswegen nicht“, erinnert sich Nico.

In der Schule sah das anders aus: „Ich wollte mich dort niemals outen, weil ich große Angst vor den Konsequenzen hatte.“ Allerdings blieb ihm irgendwann keine andere Wahl mehr. Denn Mitschüler beleidigten ihn immer wieder mit Schimpfwörtern. „Schwuchtel“, riefen manche quer über den Pausenhof.

Vor allem ältere Schüler aus der Oberstufe schienen Spaß daran zu haben. „Von denen wurde ich sogar bespuckt“, erinnert sich Nico nur ungern an die Zeit. Damals war er 16 Jahre alt.

Manchmal wollte er nicht mal mehr das Haus verlassen: „Auf meinem Weg zur Schule bin ich fast immer Umwege gelaufen, damit ich nicht an den coolen Kids vorbei musste.“

 

Selbstbewusst: Nico (Symbolbild) wohnt mit seinem Freund zusammen.

 

Auch den Eltern konnte er sich in dieser schwierigen Zeit nicht anvertrauen: „Ich wollte denen über­haupt nichts von meiner Homosexualität oder den damit verbundenen Problemen erzählen.“ Das ergibt sich irgendwann von selbst, hoffte er.

Schließlich flog sein Geheimnis auf. Nico musste seinen Eltern die Wahrheit gestehen: „Ich glaube, meine Mutter sagte nichts, während mein Vater die Welt nicht mehr verstand. Er bombardierte mich mit Fragen. Warum? Kannst du mir das erklären?“ Nico stand da, fühlte sich leer und alleine.

Seither ist das Verhältnis zwischen Vater und Sohn angespannt. Themen wie Liebe, Partnerschaft oder Sexualität werden ignoriert, totgeschwiegen, unter den Teppich gekehrt. „Es ist traurig, dass ein Sohn nicht mit seinem Vater über so etwas reden kann“, sagt der junge Mann. Doch daran hat er sich mittlerweile gewöhnt.

Die ersten Jahre waren die schlimmsten: Ängste, Sorgen und Unsicherheiten quälten ihn. Doch Nico ist stärker geworden. Heute ist er 21 Jahre alt und fühlt sich pudelwohl in seiner Haut. „Ich muss mir nichts mehr vormachen. Ich stehe zu meiner Homo­sexualität.“ Der Weg dahin sei nicht einfach gewesen, doch die negativen Erfahrungen haben ihn stärker gemacht.

Ein gesundes Selbstbewusstsein habe er heute. Dazu trägt auch eine Beziehung bei: Mit seinem Freund lebt er in Freiburg und besucht nach einer Ausbildung wieder die Schule. Was andere über ihn denken, kümmert ihn nicht mehr: „Wir leben genau so wie andere Paare auch, verbringen Zeit zusammen, gehen aus und haben einfach Spaß am Leben.“

Ähnlich erging es auch Lena S.* Die 17-Jährige wird nächstes Jahr Abi an einem Freiburger Gymnasium machen. Schon mit elf Jahren fühlte sie sich zu ihrer besten Freundin hingezogen. „Ich war anfangs verwirrt und wusste nicht, wohin mit meinen Gefühlen“, erzählt Lena. Als ihre Freundin davon Wind bekam, sei es komisch geworden, dann zerbrach die Freundschaft.

 

Verbunden: Turtelnde Frauen sind für manche seltsam. Jeder zehnte Deutsche sagt, es stört ihn, wenn sich Frauen in der Öffentlichkeit küssen.

 

Lena würde sich weder als hetero- noch als homosexuell bezeichnen: „Ich denke, dass ich pansexuell bin. Das bedeutet, dass ich mich nicht auf ein Geschlecht festlege, sondern spontan entscheide, je nach Charakter.“ Lange war das für sie ein Tabuthema. Erst in der Rosa Hilfe Freiburg wurde sie von anderen Jugendlichen nicht mehr als Außenseiter behandelt. „Dort habe ich zum ersten Mal das Gefühl bekommen, dass ich in Ordnung bin. Dass ich sein kann, wer ich sein will“, erzählt Lena.

Vor einem Jahr dann das Outing: Lena sprach mit ihren Eltern und besten Freunden. „Vielleicht war es ein Fehler, meinen Eltern davon zu erzählen. Ich glaube nämlich nicht, dass sie das verstehen“, zweifelt sie noch heute. Für den Vater sei es nur eine Phase. Die Mutter frage ab und zu, ob sie einen netten Mann kennengelernt habe. „Entweder sie wollen es nicht wahr­haben, dass ich auch auf Frauen stehe, oder sie ignorieren es einfach“, sagt Lena.

In der Schule hat sie nicht den Mut, über ihre sexuelle Neigung zu sprechen. Dafür tun das andere: „Ich merke manchmal, wie hinter meinem Rücken über mich getuschelt wird. Das ist unangenehm.“ Auch an ein schlimmes Erlebnis im Französischunterricht kann sie sich erinnern: „Meine Lehrerin ist sehr konservativ, vielleicht sogar ein bisschen homophob.“ Als zu Toleranz gegenüber Homosexuellen gearbeitet wurde, hatte Lena das Gefühl, bloßgestellt zu werden. „Die Lehrerin hat mich gezwungen, vor der Klasse zu präsentieren.“

Glücklicherweise hat sie die Jugendgruppe der Rosa Hilfe. Dort trifft sie regelmäßig Gleichgesinnte in ähnlichen Situationen. Das und eine Beratung von Experten sei wichtig: „Das tut echt gut“, sagt Lena. Der Prozess von den ersten Gefühlen bis zum Moment, sich selbst so zu akzeptieren, brauche Zeit. Doch für Lena ist er wichtig: „Erst wenn man mit sich im Reinen ist, kann man selbstbewusst vor andere treten.“

* Name von der Redaktion geändert

 

Deutsche sind für Homo-Ehe

Acht von zehn Deutschen sind für eine „Ehe für alle“, auch Homo-Ehe genannt. Das zeigt eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes vom Januar. Darin sprechen sich 76 Prozent der Befragten dafür aus, dass homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen.

Für 18 Prozent der Befragten ist Homosexualität dafür unnatürlich. Küssende Männer in der Öffentlichkeit finden 38 Prozent der Befragten unangenehm, küssende Frauen stören nur 11 Prozent.

Homosexuelle Jugendliche haben es oft schwer: Vier von zehn Deutschen fänden es unangenehm, wenn das eigene Kind schwul oder lesbisch wäre.

 

”Viele haben psychische Probleme“

Interview mit Robert Sandermann, Berater der Rosa Hilfe

 

Herr Sandermann, womit haben Hilfesuchende bei Ihnen zu kämpfen?

Sandermann: Das ist ein riesiges Spektrum. Die Themen reichen von lesbisch und schwul, über bisexuell, transsexuell oder intersexuell. Zugenommen haben ganz klar die Transgender-Fragen bei Teenagern, die sich im falschen Körper fühlen. Aber wir beraten auch öfters zu klassischen Coming-out-Fragen. Viele Anrufer haben aufgrund ihrer sexuellen Neigung auch psychische Probleme und wollen deshalb unsere Hilfe. Außerdem rufen viele junge Männer an, die sich schämen, schwul zu sein.

 

Wie schwer fällt es den Jugendlichen, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen?

Sandermann: „Sehr schwer. Sie wollen das in der Pubertät lieber für sich behalten, weil sie oft nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Viele schließen sich dann Gruppen an wie den Rosekids oder der Bunten Jugend der Rosa Hilfe, um einfach unter Leuten zu sein, denen es ähnlich geht.

 

Wie viele Jugendliche haben Probleme mit ihren Eltern zu Hause?

Sandermann: Da junge Leute ihre Sexualität oft vor ihren Eltern geheim halten, sind das bei uns eher die Einzelfälle. In Freiburg ist die Toleranz gegenüber Homosexuellen gestiegen. Wir feiern beispielsweise einmal im Jahr den Christopher Street Day mit einem bunten Partyzug durch die Innenstadt. Es kommt aber leider auch vor, dass Homosexuelle Gewalt erfahren. Meiner Meinung nach aber nicht so häufig wie in anderen Städten.


www.rosahilfefreiburg.de

Das Beratungstelefon ist dienstags von 17 bis 19 Uhr unter 07 61/2 51 61 zu erreichen.

 

 

 

Mehr dazu

 

 

 
 

Kalender

April 2018:

Sun Mon Tue Wed Thu Fri Sat
1 2 3 4 5 6 7
8 9 10 11 12 13 14
15 16 17 18 19 20 21
22 23 24 25 26 27 28
29 30
 

Schlagwörter