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Leute & Leben

Angst vor den anderen: Lisa leidet unter Sozialer Phobie, Anna hat sie besiegt

Angst, Beklemmung, Schweißausbrüche. 13 Prozent der Deutschen leiden unter Sozialer Phobie. So auch Anna und Lisa (Namen geändert). Die jungen Frauen aus dem Raum Freiburg bekommen in ungewohnten Situationen ein beklemmendes Gefühl. Dank einer Therapie hat die Heilpädagogin Anna (34) ihre Phobie überwunden. Studentin Lisa (21) arbeitet noch dran.

 
 

Lisa und Anna sind normale junge Frauen. Sie stehen mitten im Leben – zumdinest fast. Denn plötzlich tauchen ungewohnte Ängste auf: Gedankenchaos, Selbstzweifel, Panik. „Mir war lange Zeit unklar, was genau nicht mit mir stimmte”, erzählt die 21-jährige Lisa. Immer wieder geht es ihr schlecht: „Mein Herz fängt an zu schlagen und ich werde unglaublich nervös, wenn ich vor einer größeren Gruppe sprechen muss.” Vor allem in Uni-Seminaren sei das ganz schlimm. Denen kann sie als Studierende kaum aus dem Weg gehen.

Druck, Panik und Versagensängste machen ihr zu schaffen. Jetzt sitzt sie auf ihrem Bett, die Stimme ist gedämpft: „Es ist die Angst zu versagen und nicht gut genug zu sein”, erzählt sie schüchtern. Ein Schlüsselerlebnis sei der Auslöser für ihre Angststörung gewesen: „Meine Mutter hat mich damals sehr unter Druck gesetzt. Es war egal, wie gut meine Noten in der Schule waren, es musste immer noch besser sein.” Diese Versagensangst hindere sie oft daran, neue Sachen auszuprobieren.

Von ähnlichen Symptomen berichtet die 34-jährige Heilpädagogin Anna: „Ich wurde knallrot, habe angefangen zu schwitzen und konnte mich nicht mehr konzentrieren.” Sie hatte in der Schule große Angst, dass andere sie negativ beurteilen. An die Anfänge erinnert sie sich noch gut: „Oh, jetzt wird sie ganz rot”, sagte einst eine Klassenkameradin über sie. Und zwar direkt vor dem einzigen männlichen Lehrer der Schule. Von da an fiel es Anna schwer, überhaupt in seinen Unterricht zu kommen. Ihre Sorgen gingen noch weiter: „Bei Männern hatte ich Angst, sie könnten denken, ich sei in sie verliebt.” Für bescheuert müsste man sie halten, betont die heute selbstbewusst wirkende Frau. Sie lacht, während sie das sagt. Heute ist sie verheiratet und hat zwei kleine Kinder.

„Bis zur Therapie ist es oft ein langer Weg”, sagt Diplompsychologin Anne Kathrin Külz von der Freiburger Uniklinik. Viele bräuchten Jahre, bis sie Hilfe suchten. So ging es auch Anna: „Erst mal war ich ein bisschen hilflos, ich konnte das ja nicht von heute auf morgen ändern”, erinnert sie sich. Doch dann macht sie eine Therapie. Dort fand sie eine Person, der sie sich anvertrauen konnte. Das half. Auch Lisa sagt, in der Therapie habe sie sich selbst besser kennengelernt. Hilreich beim Kampf gegen die Angst sind Strategien für den Alltag. Sie sollen verhindern, dass andere etwas von der Phobie merken.

Nicht nur der flüchtende Gang auf die Toilette ist für Betroffene ein Ausweg aus der Situation. Lisa erzählt, sie habe Freunden durchaus auch abgesagt. Vor allem, wenn fremde Menschen dabei sein sollten. Bei Anna ging es teilweise so weit, dass sie sich selbst Schlafentzug verordnet hat: „Ich habe tatsächlich gemerkt, wenn ich total müde bin und Schlafmangel hab, werde ich nicht so rot.” Eigentlich bringe es aber nichts, die Angst zu unterdrücken, erzählt Lisa. Sie komme immer wieder. Und sei dann umso schlimmer.

Beiden hat geholfen, mit engen Vertrauten zu reden. Lisa spricht mit Freunden über die Therapie. Es helfe ihr, nicht ständig alles bewerten zu wollen: „Man selbst denkt ja auch nicht dauernd darüber nach, wenn irgendjemand im Seminar etwas Falsches sagt. Perfekt klappt das aber noch nicht”, fügt sie hinzu.

Anna hat viel mit ihrem Partner gesprochen. Auch die Psychotherapie hat ihr geholfen. Ausschlaggebend war aber etwas ganz anderes: die Geburt ihres ersten Kindes: „Es heißt ja immer, du bekommst ein Kind, du vernachlässigst dich”, sagt sie. Das stimme aber nicht. „Man vernachlässigt sich zwar auf der einen Seite, auf der anderen vernachlässigt man auch alle negativen Gedanken, und das ist natürlich total positiv.”

Lisa hat die Phobie noch nicht überwunden. Das Studium will sie trotzdem durchziehen. Ihr falle es zwar weiter schwer, sich in Seminaren zu melden und Referate zu halten. Trotzdem habe sie schon Verbesserungen wahrgenommen: „Ich bin nach der wöchentlichen Therapiesitzung von mir selbst überrascht.” Außerdem hat sie sich vorgenommen, auf Reisen zu gehen. Am liebsten alleine.

 

 

 

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