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Leute & Leben

Gut bezahlte Geister: Ghostwriter schreiben für Studierende und verdienen damit oft gutes Geld

Jeder fünfte Student hat schon mal eine Hausarbeit von einem Ghostwriter schreiben lassen. Nur etwa jeder 16. wird erwischt. Kein Wunder, dass die Nachfrage steigt – auch in Freiburg. Eine verzweifelte Studentin berichtet, warum sie fremdschreiben lässt. Professionell betreibt das eine BWL-Doktorandin. Sie schlägt als Ghostwriterin zwei Fliegen mit einer Klappe. Der Chef einer Autoren-Agentur sieht darin nichts Verwerfliches.

 
 

Claudia Maier (Name geändert) studiert Deutsch an der Uni Freiburg. Zuletzt lief’s unrund: Bei einer Hausarbeit ist sie durchgerasselt. „Ich war zu unmotiviert und der Dozent war mir nicht sympathisch“, erinnert sie sich. Jetzt lässt sie zum ersten Mal eine Kommilitonin die Arbeit erledigen. 12 bis 15 Seiten. Ein Freundschaftsdienst. „Das erspart mir einen Riesenberg Arbeit“, freut sich Maier. Doch zugleich graut es ihr: „Ich kann mir gar nicht ausmalen, was passiert, wenn ich erwischt werde.“

Das Risiko ist gering. Laut Studien fliegen nur sechs Prozent der Täter auf. Das kann Sonja Berger (Name geändert) bestätigen: Seit sechs Jahren ist sie professionelle Ghostwriterin. Die 35-jährige BWL-Doktorandin aus dem Freiburger Umland betreibt das als Nebenjob. Rund 3000 Euro bekommt sie für eine 80-seitige Masterarbeit. „Ich schreibe für 35 bis 40 Euro pro Seite“, erzählt sie am Telefon. Bei einfacheren Arbeiten seien es 30 Euro.

Schon zu Studienzeiten half sie Kommilitonen. Erst als Lektorin, dann als Ghostwriterin. Mittlerweile nutzt sie ihr Talent als Einnahmequelle. 10 bis 15 Aufträge nimmt sie im Jahr an. Je nach Verfügbarkeit. Angebote bekommt sie regelmäßig von zwei Agenturen, für die sie schreibt. „Für 80 Seiten brauche ich 30 bis 40 Stunden“, erzählt die heimliche Autorin. Das schaffe sie in ein bis zwei Wochen. Macht rund 100 Euro Stundenlohn. Genug, um als junge Mutter die Urlaubskasse aufzubessern.

Gewissensbisse hat Berger nur bedingt: „Ich arbeite im System und gleichzeitig dagegen.“ Das sei „moralisch irgendwo anfechtbar“, doch der Bildungsapparat befördere die Nachfrage. Lehrpläne seien zu eng getaktet, Studierende überfordert. Auch sie sei früher durch Prüfungen geflogen. „Ich war arschfaul“, sagt Berger. Doch wissenschaftliches Arbeiten ging ihr leicht von der Hand. So leicht, dass sie anderen unter die Arme griff.

Im Verborgenen: Ghostwriter arbeiten meist unerkannt.

 

Vom Ghostwriting profitiert sie doppelt: „Ich nehme nur Themen an, bei denen ich weiß, das kann ich schnell runterreißen.“ Alle Standardwerke kenne sie, die Literatur stehe griffbereit, auch die eigene Doktorarbeit bringe das voran. Doch davon wissen darf fast keiner. Nur ihr Mann und eine Freundin sind eingeweiht, erzählt die Frau, die ihre Mails mit GW unterschreibt. Ein Kürzel für Ghostwriter. Klammheimlich hat sie schon mehrere Bachelor- und Masterarbeiten geschrieben.

Stolz ist sie darauf nicht. Aber glücklich, den Job zu haben. Er ermöglicht ihr zwei Sachen: flexible Arbeitszeiten am Ort ihrer Wahl und eine gute Bezahlung.

Angst aufzufliegen? „Da fragt keiner nach“, sagt Berger. Sie forsche als Ghostwriterin ja immer im eigenen Fachbereich, habe ihr eigenes Büro. Ist die Arbeit geschrieben, ist der Job für sie erledigt. Nur selten bekommt sie Feedback. „Ich will es nicht wissen, die Note ist mir egal“, betont Berger. Sie sei selbstbewusst genug, um zu wissen, dass man mit ihren Arbeiten bestehe. Auch wenn sie nicht immer im Einser- oder Zweierbereich liegen.

Das sollen sie auch gar nicht, findet Claudia Maier. Die Freiburger Studentin kann nach der misslungenen ersten Fassung ihrer Hausarbeit nun kein brillantes Werk einreichen. „Es muss glaubhaft sein“, sagt sie. Sie wolle aufpassen, dass es ihrem üblichen Schreibstil nicht komplett widerspricht. Wenn der erste Versuch klappt, könnte sie sich vorstellen, für Ghostwriter zu bezahlen. Trotz des Bammels, erwischt zu werden, überwiegen die Vorteile: „Es entlastet mich enorm und nimmt die riesige Angst vor einem erneuten Fail“, sagt Maier. Ein zweites Durchrasseln sollte ausgeschlossen sein. Ihre Ghostwriterin hat schon ganze Bücher geschrieben. 15 Seiten sind für sie ein Klacks.

 

Die Agentur

Claudia Maier ist nur eine von vielen, die einen Ghostwriter für sich schreiben lassen. Allein 600 Kunden hatte die Agentur Business And Science im vergangenen Jahr, berichtet Geschäftsführer Piotr Snuszka. 400 Autoren arbeiten für den 29-Jährigen. Eine davon ist Sonja Berger.

Die Gründe, einen Ghostwriter zu engagieren, sind vielfältig, berichtet Snuszka: Krankheiten, Todesfälle oder Faulheit seien drei davon. Auch Unter- oder Überforderung könnten Antrieb sein. Und natürlich das Finanzielle: „Einige Kunden verdienen in der gleichen Zeit wesentlich mehr, sodass sie das Schreiben der Arbeit outsourcen“, sagt Snuszka. Ein Freiburger Student bestätigt das: Ließe er einen Ghostwriter seine Masterarbeit schreiben, könne er in der Zeit mehr als 3000 Euro verdienen. Die Rechnung könnte aufgehen: Allein mit einem 450-Euro-Job käme er in sechs Monaten auf 2700 Euro.

Illegal ist das Geschäftsmodell von Agenturen wie Business And Science nicht: „Es basiert auf der Erstellung von Musterarbeiten“, erklärt Snuszka. Man biete Studenten eine Lösung an. Auf der Grundlage sollen sie eine eigene Arbeit schreiben. Der Fall von Claudia Maier zeigt, dass Studenten eben dies gerade nicht tun. Snuszka bereitet das „selbstverständlich Bauchschmerzen“. Verantwortlich dafür seien jedoch die Kunden. Sein Plädoyer: Die Bauchschmerzen dieser Studenten müssten „wesentlich größer sein“ als seine eigenen.

 

 

 

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