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Leute & Leben

Beruf wie ein Schweizer Taschenmesser: Heilerziehungspfleger müssen vielseitig sein

Zuhören, unterstützen, anleiten: Heilerziehungspfleger begleiten Menschen mit Behinderung. Sie helfen bei der Körperpflege, fördern die Entwicklung und sind oft wichtige Vertrauensperson. Die Arbeit ist anspruchsvoll. Über einen Beruf, den längst nicht jeder kann.

 
 

Montag hatte Nicole einen schlechten Tag bei der Arbeit, und das Ergebnis sieht man zwei Tage später noch als Abdruck auf ihrem Arm. Sie hat sich selbst gebissen. Verspürt sie starken Stress, macht sie das manchmal zum Druckabbau. An Tagen wie diesen ist Heilerziehungspfleger Richard Fröbel (40) besonders gefragt. Kommt Nicole von der Arbeit in die betreute Wohngemeinschaft zurück, erzählt sie ihm von ihren Sorgen.

Zusammen mit einer Kollegin betreut Fröbel eine Wohngemeinschaft mit fünf Menschen mit einer leichten geistigen Lernbeeinträchtigung. Astrid,
Nicole, Isabell, Gerry und Florian leben zum Teil schon seit rund zehn Jahren zusammen – so lange kennt Fröbel sie auch. Er und seine Kollegin sind unter der Woche am Nachmittag und am Wochenende den ganzen Tag da.

Heilerziehungspfleger arbeiten nicht nur ambulant. Sie sind auch in Behindertenwerkstätten, Kliniken, Kitas und Wohnheimen tätig. Rund 7,6 Millionen Menschen mit einer Schwerbehinderung leben nach Angaben des Statistischen Bundesamts in Deutschland. Und viele brauchen Hilfe von Heilerziehungspflegern.

Die Arbeit unterscheidet sich dabei je nach Arbeitsplatz. Während bei Menschen mit mehreren Beeinträchtigungen, die zum Beispiel auch im Rollstuhl sitzen, häufig die Pflege im Vordergrund steht, geht es bei Fröbel im ambulanten Bereich viel darum, die Selbstständigkeit zu fördern.

„Der Heilerziehungspfleger ist so etwas wie das Schweizer Taschenmesser der Behindertenpflege“, sagt Frank-Michael Eschert, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Ausbildungsstätten für Heilerziehungspflege in Deutschland. Wie das Schweizer Taschenmesser mit Lupe, Korkenzieher und Schere zahlreiche Funktionen hat, so übernehme auch der Heilerziehungspfleger mehrere Aufgaben.

Auch deshalb sind die Voraussetzungen für die Ausbildung hoch. Wer sich dafür interessiert, braucht entweder eine in der Regel zweijährige berufliche Grundausbildung oder eine Hochschulzugangsberechtigung mit Vorpraktikumszeiten.

Die Ausbildung variiert je nach Bundesland. Entweder besuchen angehende Heilerziehungspfleger zwei Jahre die Schule und machen hinterher ein Anerkennungsjahr bei einem Träger. Alternativ dauert die Ausbildung drei Jahre, und die praktischen Anteile sind integriert. „Man braucht für den Beruf auf jeden Fall Geduld“, sagt Fröbel. Isabell hat letztens trotz einer Spastik gelernt, ihre Fingernägel selbst zu schneiden. Und man sollte zuverlässig sein.

Die fünf Bewohner zählen auf ihn – bei Problemen bei der Arbeit, aber auch bei der Organisation der WG. „Da muss ich euch manchmal ganz schön motivieren, etwa Einkaufen gehen, was? Das macht ihr nicht so gern“, sagt Fröbel. Nicole kichert los. Fröbels Späße versteht sie gut.

Wer sich für die Ausbildung entscheidet, wird sich im Wesentlichen mit drei Schwerpunkten befassen. Zum einen geht es um das Thema individuelle Teilhabe und Pädagogik: Wie bringt man jemandem bei, einen Einkaufszettel zu schreiben oder Essen zu kochen? Ein weiterer Schwerpunkt liegt im Thema Pflege, und schließlich geht es um rechtlich-organisatorische Fragestellungen. Man sollte auf jeden Fall vorab ein Praktikum machen, um zu testen, ob der Beruf einem liegt, sagt Eschert.

Reich wird man in dem Job nicht. „Berufseinsteiger verdienen etwa 2400 Euro brutto“, sagt Eschert. Zehn Jahre später sei man, je nach Tarifwerk, etwa bei 3100 Euro brutto. Richard Fröbel ist in seinem Beruf trotzdem froh.

Seit zehn Jahren betreut er die Wohngemeinschaft, viele der Bewohner sind seit dem Start gleich geblieben. Er sieht, wie sie selbstständiger werden. Florian wird im Laufe des nächsten Jahres ausziehen und alleine leben können. Fröbel und seine Kollegin haben einen wesentlichen Anteil daran.

 

 

 

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