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Musik & Medien

Geliebt und gehasst: Frankreichs Rap-Superstar Orelsan

Den Rapper Orelsan kennt in Frankreich jedes Kind. Drei Mal hat er gerade den wichtigsten französischen Musikpreis abgeräumt, die „Victoires de la Musique“. Doch die Freude ist getrübt: Orelsan wird nach der Krönung von seiner Vergangenheit eingeholt. Er steht wegen früherer Texte in der Kritik. Hinter dem umstrittenen Künstler verbirgt sich Aurélien Cotentin. Wer ist der Mann, der in Frankreich eines der erfolgreichsten Alben 2017 hingelegt hat? Clémence Carayol hat sich den Künstler einmal genauer angesehen.

 
 

2017 ist das Jahr des Orelsan. Seine CD „La fête est finie“ (Die Party ist vorbei) bekommt nach seiner Veröffentlichung gleich drei Auszeichnungen. Es gibt allerdings einen Haken: Die beiden vulgären Macho-Songs, die den Sänger vor fast einem Jahrzehnt berühmt machten, sind vielen noch im Gedächtnis. Sie sind heute umstritten wie nie. Frankreich fragt sich: Hat jemand, der ein Lied wie „Sale Pute“ (Dreckige Schl****) schreibt, drei Musikpreise verdient?

Rückblende. 2008 wird der Franzose mit den langen, wüsten Haaren berühmt. Er, der Punchlines wie kaum jemand aneinanderreiht, schafft mit 25 Jahren den Durchbruch. Doch an seinen derben Aussagen scheiden sich die Geister. Seine Tracks „Saint-Valentin“ (Valentinstag) und „Sale Pute“ (Dreckige Schl****) bringen ihm aufgrund sexistischer Aussagen viel Kritik ein. Feministische Vereinigungen und Politiker betrachten seine Musik als Aufruf zur Gewalt. Der Bösewicht wird bei mehreren Festivals wieder ausgeladen.

Der Musiker selbst ist überrascht, Songs sind für ihn nur Fiktion: „Im Lied versuche ich zu zeigen, wie ein Impuls jemanden in ein Monster verwandeln kann“, erklärt er. Viele geben ihm Recht und feiern die Musik. Das Album „Le chant des Sirènes“ (Gesang der Sirenen) wird 2011 mit einer Platin-Schallplatte ausgezeichnet. Auch im Jahr darauf gewinnt Orelsan zwei Preise: Für das beste Album in der Kategorie Urban Music und den Titel „Talent des Jahres“.

Dann zieht sich Orelsan aus dem Rap vorerst zurück. Dennoch ist der junge Musiker in Frankreich omnipräsent: Er wird Modedesigner, bringt 2014 die eigene Streetwarekollektion „Avnier“ auf den Markt. Der Style erinnert an die 90er. Ende 2016 wird das Multitalent Schauspieler. Er bekommt spielt in den Serie „Bloqués“ (Blockiert) der berühmten TV-Sendung „Le Petit Journal“ mit. Außerdem leiht das Sprachtalent der bekannten Animefigur „One Punch Man“ seine Stimme.

Im Oktober 2017 startet er nach eineinhalb Jahren Pause sein musikalisches Comeback und geht direkt an die Spitze der Charts. Die Single „Basique“ (Grundlegend) ist sozialkritisch und geht auch dank eines spektakulären Clips von zwei Elsässer Videokünstlern durch die Decke.  „Ich werde ein neues Album veröffentlichen. Aber zuerst müsst ihr die Grundlagen checken, weil ihr zu dumm seid“, rappt Orelsan im Intro. Im Text kritisiert er unter anderem den Front National. Der Clip spielt auf einer großen Brücke in Kiew und endet extravagant mit dem Erscheinungsdatum des Albums.

 

Im vergangenen Jahr kündigt Orelsan mit „Basique“ sein drittes Album an: „La fête est finie“ (Die Party ist vorbei). Es erscheint im Oktober 2017 und wird in Windeseile Gold und dreimal mit Platin ausgezeichnet. Die Scheibe ist 2017 sogar mit 153.300 Verkäufen unter den Top 20 Alben im Land.

Im Januar schließlich der vorzeitige Höhepunkt: Der 35-Jährige räumt gleich dreifach bei den „Victoires de la Musique“, ab. Bei den französischen Grammys ist er Künstler des Jahres, hat den Clip des Jahres gedreht und das Album des Jahres komponiert. Auf der Scheibe dreht sich vieles um die Beziehung des Musikers zu Ruhm und Erfolg. Der sei nur eine „Illusion" und mache einsam, rappt Orelsan. Das Album enthält sogar ein Liebeslied: „Paradies“. Die Platte glänzt zudem durch hochkarätige Features: Unter anderem sind Maître Gims und der belgische Musiker Stromae dabei.

Orelsan spielt auf dem neuen Album mit der Provokation. Gewaltverherrlichendes und Frauenhass sucht man aber vergeblich. Die Kritiker haben seine unrühmlichen Texte aber nicht vergessen. Kurz nach den Victoires de la Musiques rufen die rohen und obszönen Worte von „Sale Pute“ und „Saint-Valentin“ erneut Gegner auf den Plan. Besorgte Mütter starten eine Petition und fragen: Wie kann man einen Künstler auszeichnen, der einst extrem frauenfeindliche Texte geschrieben hat? Kann Orelsan, trotz seiner Vergangenheit, ein Vorbild für die Jugend von Heute sein? Fans starten daraufhin eine Gegenpetition.

Orelsans Anhänger sprechen von einer Hexenjagd, hervorgerufen durch die alten, polemischen Lieder des Künstlers. Sie sehen die radikalen Aussagen musikalisch verjährt, während es in der Gesellschaft noch immer „Gewalt gegen Frauen in ehelichen Beziehungen gibt“. Frankreich ist gespalten.

Rap war immer von Sexismus und Gewalt geprägt, gibt die #MeToo-Bewegung zu bedenken. „Warum ist gerade Orelsan der Prügelknabe?“, fragen seine Unterstützer. „Wer sich so beleidigend äußert, hat in der Öffentlichkeit nichts verloren“, kontern die Kritiker. Orelsan äußert sich zu seiner dunklen Vergangenheit musikalisch. In „San“ rappt er: „Ich bedauere meine alten Dämonen (…) die Zukunft ist jetzt.“

 

 

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