Drucken

Schule & Projekte

Fliegen als Abenteuer - Wie Gehbehinderte die Lüfte erobern

Wer kennt sie nicht, diese Vorurteile: Behinderte im Rollstuhl können sich nicht selbst versorgen, keinen Beruf ausüben, keinen Sport machen. Und wer nicht laufen kann, der kann erst recht nicht fliegen. Für die meisten gesunden Menschen ist es ein Ding der Unmöglichkeit, sich vorzustellen, dass ein Rollstuhlfahrer sich mit einem Drachen in die Lüfte schwingen kann. Und doch tun dies immer mehr flugbegeisterte Rollstuhlfahrer. Für sie ist das Fliegen eine fantastische Erfahrung, um sich glücklich und frei zu fühlen…

 
 

Frei nach dem Motto „Nichts ist unmöglich" können Rollstuhlfahrer inzwischen einen Drachen, Gleitschirm, Ultraleicht, Motor- und Segelflugzeug fliegen, Fallschirmspringen und sogar Bungee-Jumping machen. Im Gegensatz zum Motor-, Segel- und Ultraleichtflugzeug braucht man fürs Drachen- und Gleitschirmfliegen kein fliegerärztliches Tauglichkeitszeugnis. Man kann also einfach so in den Sport hineinschnuppern, um das Gefühl der Leichtigkeit einmal selbst zu erleben.

„Lebe deinen Traum"

Zum Beispiel im „Flugcentrum Westerwald" in Ailertchen, wo der Sportlehrer Ingo Bornowski sich zum Ziel gesetzt hat, den Flugsport für Behinderte bekannt zu machen und Rollstuhlfahrern dieses einmalige Erlebnis zu ermöglichen. Die Idee kam Bornowski bei seiner Diplomarbeit „Flugsport trotz Handicap", inzwischen ist sie seit sieben Jahren Realität.

Das Schönste ist das Grinsen danach

„Aufwinde machen keinen Unterschied zwischen Behinderung und Nicht-Behinderung", mit dieser Erkenntnis will Ingo Bornowski, der neben seiner Tätigkeit als Fluglehrer noch freier Journalist und Fotograf ist, Rollstuhlfahrer dazu motivieren, das Wagnis 'Fliegen' einzugehen. Für ihn ist das Schönste am Fliegen mit Behinderten das zufriedene Grinsen seiner Flugschüler nach dem Flug. Auf verschiedenen Reha-Messen stellte er sein Projekt vor, auch durch Zeitungsartikel und Fernsehberichte machte er den Flugsport für Behinderte bekannt. Vielen Rollstuhlfahrern hilft das Fliegen, ihre Behinderung für eine Weile zu vergessen und auch im Alltag besser damit klarzukommen, weil sie sich nicht nutzlos und unfähig fühlen.

Lebenslust und Glücksgefühl

Für sie ist Fliegen Abenteuer, Spaß und Therapie zugleich. Deshalb wollen sie auch immer wieder fliegen, auch wenn das Ganze nicht gerade billig ist. Der finanzielle Aufwand wird jedoch durch die Lebenslust und das Glücksgefühl, das dort oben in der Luft entsteht, doppelt und dreifach entschädigt.

„Die Rolli-Flieger"

Rollstuhlfahrer, die nicht nur in ihrer Freizeit ein bisschen fliegen sondern es als professionellen Sport betreiben möchten, finden  beim Verein „Die Rolli-Flieger" bestimmt das Richtige für sich. Die „Interessengemeinschaft Luftsport treibender Behinderter e.V." wurde 1993 von Körperbehinderten ins Leben gerufen, die es gegen große Widerstände geschafft haben, eine Pilotlizenz zu erwerben. „Lebe deinen Traum", genau das wollen diese Initiativen den Behinderten ermöglichen. Schließlich gehört der Traum vom Fliegen zu einem der ältesten der Menschheit - und wer einmal Höhenluft geschnuppert hat, der kommt meist nicht mehr davon los.

Diagnose: querschnittsgelähmt

So auch Petra Kreuz: Das Fliegen war schon lange ihre große Leidenschaft. Begonnen hatte Petra Kreuz mit Gleitschirmfliegen, später kam auch das Drachenfliegen hinzu. Für den Traum vom Fliegen gab sie sogar ihren Beruf als Kfz-Lackiererin auf, um als Selbstständige vom Fliegen und für das Fliegen zu leben. Bis zum Jahr 2000 war das auch alles kein Problem, Petra schwang sich unbeschwert in die Lüfte, arbeitete unter anderem für eine Flugschule und genoss das überwältigende Gefühl der Freiheit hoch oben in der Luft. Durch einen schweren Unfall beim Drachenfliegen stand ihr Schicksal jedoch von einem auf den anderen Tag auf der Kippe. Diagnose: querschnittsgelähmt.

Der „Flugrolli"

Viele hätten jetzt wohl die Hoffnung aufgegeben und erst recht den Traum vom Fliegen. Nicht aber Petra Kreuz. Auf dem Boden mag es hunderte von Hindernissen und Problemen geben, in der Luft aber musste es doch möglich sein diese zu umgehen. So begann sie, noch während ihrer Zeit im Krankenhaus, mit der Konstruktion eines eigenen „Flugrollis". Ein Jahr verbrachte sie in Krankenhäusern und Reha-Kliniken - genug Zeit also, um an der Ausarbeitung zu feilen. Auch wenn viele Menschen sie für verrückt erklärten, Petra Kreuz ließ sich ihre selbst erfundene Flugkonstruktion bauen. Inzwischen gibt es sogar schon eine Weiterentwicklung des ersten Modells, das sie noch sicherer und leichter in die Lüfte erheben soll. In der schweren Zeit, als sich Petra Kreuz an den Rollstuhl gewöhnen musste, gab ihr das Fliegen Kraft und Hoffnung. Dort oben konnte sie vergessen, dass sie an den Rollstuhl gefesselt ist und die grenzenlose Euphorie genießen, die beim Fliegen in ihr aufsteigt.

„Grüße aus der Luft"

Inzwischen macht Petra Kreuz regelmäßige Ausflüge bis nach Frankreich oder Spanien und bietet, zusammen mit ihrer Crew von „Handicap Fly", Tandemflüge für Behinderte und Nicht-Behinderte an. Mit Profi-Piloten kann hier jeder Laie in die Luft gehen. Petra Kreuz möchte möglichst vielen Menschen mit Behinderung  einen Flug ermöglichen, um ihnen zu zeigen, dass man die Hoffnung nie aufgeben darf. Sie selbst ist wohl eines der schönsten Beispiele dafür, dass man an seinen Träumen festhalten soll, egal wie utopisch sie anfangs auch wirken mögen. Sie hat es geschafft und kann wieder „Grüße aus der Luft" senden und somit ihren Traum leben.

 
Kommentar(e) (0)
 

Kalender

April 2017:

Sun Mon Tue Wed Thu Fri Sat
1
2 3 4 5 6 7 8
9 10 11 12 13 14 15
16 17 18 19 20 21 22
23 24 25 26 27 28 29
30
 

Schlagwörter