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Schule & Projekte
David gegen Goliath - EnBW veranstaltet Schulwettbewerb eine Klasse stellt sich quer
„Als ich meinen Schülern den Wettbewerb vorgestellt habe, haben sie es sofort durchschaut“, erinnert sich Klassenlehrerin Elvira Erdem. Das ist auch im Video zu sehen: „Mit dieser Aktion wollen die sich bei uns einschleimen“, vermutet einer der Schüler in einer nachgespielten Szene
zu Beginn des Films. Weiter geht es mit einem inszenierten Atomalarm, die Schüler flüchten aus dem Klassenzimmer. Einer der Schüler, Rabea,
den man auf Youtube auch als „LibaOne“ findet, rappt „Ihr verseucht unsere Erde, doch das lässt euch kalt, was ist los mit euch? Man, euch geht es nur ums Geld.“ In einer Straßenumfrage kommen viele Atomkraftgegner zu Wort, die auch darin übereinstimmen, dass sich Unternehmen aus der Schule heraushalten sollten. Auch das Stichwort „Greenwashing“ wird von einer Passantin eingebracht. Zum Schluss appelliert die Klasse an den Zuschauer: „Steigen Sie um auf erneuerbare Energie!“

„Ziel unseres Beitrags war, zum einen EnBW zu zeigen, dass Schüler nicht blöd sind, zum anderen unsere Botschaft zu verbreiten. Deshalb haben die Schüler nach Fukushima auch das Video bei Youtube hochgeladen“, erklärt Erdem, Lehrerin für Deutsch, Englisch, Ethik, Kunst
und WZG (Welt – Zeit – Gesellschaft). Was auf der Internetplattform mit viel Beifall bedacht wird,
stieß beim Konzern hingegen auf Ablehnung.
Die Wettbewerbsveranstalter nahmen das Video nicht an. „Die formalen Wettbewerbsvorgaben wurden nicht eingehalten“, liefert EnBW-Sprecher Uli Schröder die offizielle Begründung. Der Beitrag sei knapp sieben Minuten zu lang und enthalte GEMA-pflichtige Musik. Inhaltlich habe man den Beitrag laut Schröder gar nicht bewertet, zudem sei der Lörracher Beitrag nicht der einzige gewesen, der an den Formalien gescheitert sei. Ein nach- gebesserter Beitrag verpasste dann eindeutig die Einsendefrist. „Wir haben nur die Spielregeln aufgestellt, die schlussendliche Bewertung
der Beiträge erfolgte online“, erklärt Schröder.
Erdem ist davon überzeugt, dass ihre Klasse, wäre sie zugelassen worden, gute Chancen gehabt hätte zu gewinnen. Den Preis hätte man in dem Fall allerdings nicht angenommen, darin ist sich die Projektgruppe einig. „Auch den geschenkten Reporterkoffer mit der Videokamera schicken wir gerade zurück“, unterstreicht die 34-Jährige, dass sie sich nicht vom Konzern „greenwashen“ lassen wollen.
Dennoch erreichte der Beitrag deutschlandweite Aufmerksamkeit. Die Ereignisse in Fukushima rückten das Thema Atomkraft stärker in den Fokus, die Geschichte der kleinen Klasse gegen den großen Konzern war ein gefundenes Fressen für die Medien. Die Tages-zeitung „taz“ und das Nachrichtenmagazin Spiegel schrieben darüber, wie der Konzern „mit den eigenen Waffen geschlagen“ worden sei und
der Film „den Energieriesen ärgert“. So entwickelte sich die Sache für EnBW zum PR-Desaster.
„Wir glauben, dass eine intensive Beschäftigung mit Energiefragen in allen Altersgruppen sinnvoll ist“, erklärt Schröder, warum EnBW Schulwettbewerbe sponsert. Die negative Bericht- erstattung in diesem Fall sei allerdings kein K.O.-Kriterium für weitere Kooperationen. EnBW wird also auch in Zukunft Schulwettbewerbe starten.
Grundsätzlich hat auch Erdem nichts gegen eine Kooperation zwischen Wirtschaft und Bildung einzuwenden. Gerade in der Hauptschule habe das auch seine Vorteile als Vorbereitung auf die Arbeit in einem Betrieb. Aus ihrer Sicht liegt das Problem aber bei der Einseitigkeit: „Kleineren Unternehmen fehlt schlicht das Geld, sodass nur Unternehmen wie EnBW oder Tochterfirmen solche Projekte sponsern und finanzieren können.“ Politik und Wirtschaft seien ihrer Meinung nach total verfilzt, für sie ein Erbe der 58-jährigen CDU-Herrschaft in Baden-Württemberg. Für die Zukunft erhofft sie sich ein Neutralitätsgesetz, das die Beziehungen zwischen Politik und Wirtschaft klar regelt – und die ungleichen Kämpfe der Davids gegen die Goliaths dieser Welt unnötig macht.

Erdem ist auch außerhalb der Schule politisch engagiert, sie hat schon Amnesty International auf Missstände in einem australischen Flüchtlingscamp aufmerksam gemacht und ist aktives Mitglied bei Greenpeace. Den Vorwurf, dass sie die Schüler für ihre Zwecke instrumentalisiert habe, weist sie allerdings entschieden zurück: „Es war nicht die ganze Klasse beteiligt, die Schüler haben freiwillig mitgemacht und
sich alles selbst in Eigenregie während ihrer Freizeit erarbeitet.“ In ihren Augen entmündigt dieser Vorwurf ihre Schüler, die auch mit Vorurteilen gegenüber Hauptschülern zu kämpfen haben, anstatt deren Engagement zu belohnen. „Umweltschutz ist schließlich auch kein klassi-sches Hauptschulthema“, ärgert sich die Lehrerin. Einer ihrer Schüler bringt es auf den Punkt: „Zuerst wird uns vorgeworfen, wir hätten keine Meinung, und dann ist es die falsche.“
EnBW ignorierte den Beitrag der 9a zunächst und reagierte erst, als sich die Medien einschalteten. „Eine Mail, die ich nach der Einreichung des Clips losgeschickt habe, und in der ich nach einer Rückmeldung für die Schüler bat, blieb unbeantwortet“, erinnert sich Erdem. Es sollte noch drei Wochen dauern, bis schließlich Anfang Mai ein Brief der EnBW kam. Jetzt ist eine Gesprächsrunde in Planung, voraussichtlich werden Vertreter des Marktgiganten im Juli auf die 14-köpfige Filmgruppe treffen. Wenn es nach den Schülern geht, wird dieses Gespräch nicht auf Firmengelände, sondern mit Heimvorteil in Lörrach stattfinden. Erdem würde auch gerne die Presse dabeihaben. Und dann? Wird sich alles im Sand verlaufen? Mitnichten. Die Schüler planen, einen Folgefilm während des Austausches mit EnBW zu drehen.
Für die 9a der Neumattschule war das Projekt ein riesiger Erfolg. Ihre Klassenlehrerin berichtet, dass die Schüler in der Folge begannen, die Ereignisse in Japan in der Zeitung zu verfolgen. Auch habe die ganze Schule angefangen sich mit dem Engagement der Neuntklässler zu identifizieren. Nicht zuletzt sei die Klasse viel selbstbewusster geworden, und auch Eltern gaben Rückmeldungen, in denen sie ihren Stolz ausdrückten. Und pädagogisch konnte das Bildungsprojekt der EnBW laut Erdem zumindest einen Erfolg verzeichnen: „Die Schüler haben gelernt, dass man als Einzelner durchaus etwas bewegen kann!“
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