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Sport & Freizeit

Faszination Rollenspiel (Teil 2)

Undercover in einer Welt, in der Ungehorsam noch mit dem Tod bestraft wird: Der zweite Teil einer Reportage innerhalb eines Live Action Rollenspiels bringt die Erkenntnis, dass auch Fantasie großen Einfluss auf die Realität hat.

 
 

Out-Time


Nach meiner Zuteilung zu mehreren Anfängern, (je nach Rasse auch "Ghoule" genannt) also LARPern des untersten Ranges, habe ich endlich die Gelegenheit, mich mit den Anderen auszutauschen. Diese haben wohl Mitleid mit mir, zerren mich etwas außerhalb der Gruppe und machen ein "Out-Time". In den folgenden 20 Minuten wird mir die Lage erklärt, denn das Leben des LARPers besteht nicht nur aus fröhlichem Rumstehen bei Nacht in einem Park. Der Clan der Germanitas Luporum habe ihnen den Krieg erklärt, deshalb müsse bei dem Treffen heute Abend das weitere Vorgehen besprochen werden. In der kurzen Zeit wird untereinander auch ein bisschen über Ausbildung, Beziehung und überhaupt Gott und die Welt geredet. Es könnte fast den Anschein erwecken, hier handele es sich nur um ein paar Leute, die sich zum Tratschen ein bisschen in der Zeit vertan haben.

 

In-Time


Durch einen lauten Glockenschlag werden plötzlich alle anwesenden Clan-Mitglieder zusammengerufen. Die LARPer um mich herum geben sich kurz ein "In-Time"-Zeichen, ich erwidere es, und schon sind sie alle wieder die ergebenen Diener des Fürsten der Corvus Lunaris. Wie zu erwarten hält dieser eine kleine, jedoch sehr ausgeschmückte und schweifende Rede über den bevorstehenden Krieg mit den Germanitas Luporum. Ich habe währenddessen die Gelegenheit, mir die LARPer um mich herum ein wenig näher anzusehen: Trotz der Dunkelheit schätze ich die Meisten auf zwischen 17 und 23 Jahren, es sind beide Geschlechter vertreten. Ich meine in vielen Metaller, auch teilweise aus meinem Bekanntenkreis, zu erkennen. Jedoch könnten sie genauso gut Bankangestellte sein.

 

LARP-Anfänger


Woher sie auch stammen, alle horchen gebannt ihrem Anführer, der eine ausgeklügelte Strategie entwickelt hat. Anschließend werden die Rollen für diesen Abend verteilt. Ich werde ins Team der Späher geschickt, die an die Grenzen des Reviers verteilt werden, um Alarm schlagen zu können. Nach einem Uhrenvergleich der größeren Art, (hier konnte ich mir, mit genau fünf Uhren ausgestattet, viele neue Freunde machen) verlasse ich mit drei anderen Mit-Spähern die Runde, um meinen Platz im Busch am Nord-Ost-Ende einzunehmen. Diesen werde ich bis zum Ende des Abends nicht mehr verlassen. Diese Strategie mutet sehr bekannt an: Wie beim Schach werden die eher wertlosen Figuren zuerst auf den Feind postiert, denn es wäre um sie nicht so schade, sollten sie dem Feind zum Opfer fallen. So ganz gefällt mir die Einstellung nicht, aber da muss jeder LARP-Anfänger durch. Einen Ruf muss man sich, ganz wie im Mittelalter, eben noch ordentlich im Kampf verdienen, oder dabei sterben.

 

Regel Nummer Drei


Apropos sterben: Die dritte Regel für fehlerfreies LARPen lautet: Niemals aufgeben, niemals kapitulieren! LARP wird von vielen Aktiven auch als sportliche Betätigung gesehen. Sollte es zu einem Krieg kommen, wird also real gekämpft. Dabei wird sich je nach Spielthematik mit arttypischen Waffen gekämpft. Bei einem Mittelalter-LARP würde also niemand mit einer Laserpistole kämpfen, umgekehrt in einem StarWars- LARP niemand mit einem Schwert oder Dolch. Die Kampfregeln sind dafür relativ simpel: Wer getroffen wird, fällt um, am besten theatralisch, und bleibt so lange liegen, bis das Schlachtfeld bereinigt wird. Stirbt der eigene Charakter, muss man seinen Clan verlassen, kann aber jederzeit wieder mit einem Neuen einsteigen. Dazu ist zu sagen, dass LARPer ein besonderes Verständnis von Fairness haben: Regelwidrigkeiten werden zu keiner Zeit geduldet, Regelverstöße mit dem Ausstoß aus dem Clan bestraft.

 

Zurück ins Real-Life


Durch einen zweiten Glockenschlag, es ist nun etwas nach Mitternacht, wird die Aktion abgebrochen und alle wieder versammelt. Der Fürst lobt unser aller Geduld und gibt ein finales "out-Time"- Zeichen. Als wären alle um mich herum von einem Bann befreit, schütteln sie sich, lachen und reden wieder über ihr "Real Life". Allmählich legen sie ihre Umhänge ab und ziehen nach Hause. Ich bleibe noch etwas und schaue mich um, reflektiere den Abend. Heute Nacht musste zwar keiner von uns sein Leben lassen, aber wer weiß, welche blutigen Kriege nächsten Freitag in diesem Park stattfinden werden, ohne dass die restliche Welt auch nur irgendetwas davon mitbekommt. Ich weiß nicht, wie Andere über diese Leute denken, die sich nachts zusammenfinden, um über ihre Fantasiefiguren zu reden und ihren Clan bis aufs Blut zu verteidigen.

 

Fazit


Ich kann nur sagen, dass mir der Abend unter den Raben des Mondes äußerst lehrreich war. Ich denke, man kann nicht über LARP urteilen, ohne es nicht mindestens einen Abend lang ausprobiert zu haben. Erst durch das eigene Erleben wird die Faszination begreifbar, die dieses Spiel auf den Beteiligten ausüben kann. Auch ich, die ich bisher nur einen Abend LAR- Pen war, sehe gespannt der Entwicklung zwischen beiden oben genannten Clans entgegen. Hierbei muss ich noch die unvoreingenommene Freundlichkeit ansprechen mit der ich, zumindest "out-Time", aufgenommen wurde. Sollte auch beide Reiche, das Real Life und das Live Acting Role Play vieles trennen, so könnten wir nicht ohne eines existieren. Denn mal ehrlich, trotz jeden Hohns mit dem die Mitspieler von LARP oft bedacht werden, wer träumt denn nicht insgeheim davon, einmal nachts als anerkannter Werwolf durch die eigene Stadt zu pirschen?

 
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