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Leute & Leben

Generation Gewalt

Die heutige Jugend hat viele Namen, einer davon ist "Generation Gewalt". Eine Generation, die tagein, tagaus virtuell vor dem Bildschirm tötet, aber auch das Krimi schauen kann "kriminell" sein. Schon ein "Tatort" hat es in sich- eine Spannungskurve bis zum Mord, Blut, alles voller Blut. Nun mal ehrlich: Ist das wirklich der  Höhepunkt eines jeden Wochenendes? Soll so die Erholung aussehen, auf die man sich die ganze Woche gefreut hat? Eine absurde Vorstellung, wie Noir-Autorin Lisa Schof findet. Sie fragt sich, ob wir selbst die Amokläufer von morgen züchten.

 
 

Dennoch ist im deutschen Fernsehen kein fiktionales Unterhaltungsgenre beliebter, als das der Krimis. Verbrechen und Gewalt scheinen das Fernseh-Publikum wie kaum etwas Anderes in den Bann zu ziehen. Doch warum ist das so? Schließlich fürchtet sich jeder davor, selbst einmal Opfer zu werden. Sei es die Angst, in der Schule Prügel zu beziehen oder die Furcht vor einem nächtlichen Überfall auf dem düsteren Heimweg - niemand kann ernsthaft von sich behaupten, solche Empfindungen nicht zu  kennen. Denn nichts ist natürlicher, menschlicher. Wie kommt es also, dass wir uns gerade von Gewaltdarstellungen derart angezogen fühlen? Medienwissenschaftler erklären das Phänomen mit dem ambivalenten Gefühl der Angstlust: diese empfinden Menschen, während sie Medieninhalte konsumieren, in denen Gewalt vorkommt.

Schrecken vs. Erleichterung

Wer einen Krimi anschaut, verspürt einerseits ein Gefühl des Schreckens, da eine solche Tat einem selbst hätte widerfahren können, andererseits Erleichterung darüber, nicht selbst betroffen zu sein. Schon Friedrich Schiller benennt dieses Gefühlschaos: "Es ist eine allgemeine Erscheinung in unserer Natur, dass uns das  Traurige, das Schreckliche, das Schauderhafte selbst mit unwiderstehlichem Zauber an sich lockt. Dass wir uns von Auftritten des Jammers, des Entsetzens mit gleichen Kräften weggestoßen und wieder angezogen fühlen." Um Schadenfreude handelt es sich nicht. Man braucht sich dieses Gefühls nicht zu schämen oder ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Denn die Faszination an Gewaltdarstellungen liegt teils in der Evolution des Menschen selbst. Der Mensch versucht, sich über potentielle Gefahren zu informieren, um sich so im Notfall vor ihnen zu schützen. "Der Tiger, der den Menschen fressen will, ist wesentlich interessanter als einzelne Blümchen auf einer großen Wiese", so Thomas Roessing, Medienwissenschaftler der Universität Mainz.

Ein gelungener Krimi ist somit Training und Warnung in einem. Zudem sind vor allem Kinder und Jugendliche bestrebt, durch den Konsum von Gewaltdarstellungen kontrolliert Ängste abzubauen. Wird es dann doch einmal zu riskant, zu spannend, kann man schließlich mit einem Klick weg schalten. Experten sprechen hierbei vom so genannten Angstmanagement. Neben der Bewältigung von Ängsten bieten Krimis, Actionfilme oder spannende Computerspiele auch die Möglichkeit, die langweilige Alltagswelt zu verlassen und in eine fremde, faszinierende Welt einzutauchen. Diese Welt erscheint vor allem Jugendlichen attraktiv, da sie in  ihr eine Ablenkung vom problematischen Teenager-Leben finden und sich so nicht mit wirklichen Problemen des Alltags konfrontieren müssen: Hausaufgaben, Pauken, Zoff mit Lehrern und Eltern, Identitätsprobleme. Alles, was die Pubertät mit sich bringt, wird für einige Momente vergessen. Für die kommenden Minuten zählt nur der nächste Schlag, der nächste Schuss, der nächste Gegner.

Die Flucht vor dem wirklichen Leben

Welche Auswirkungen solch eine Flucht vor dem wirklichen Leben hin zu Gewalt verherrlichenden Medieninhalten mit sich bringt, meinen einige Experten in Amokläufen wie dem von Erfurt oder Virginia zu erkennen. Laut der JIM-Studie 2006 besitzen knapp zwei Drittel aller Jugendlichen zwischen 12  und 19 Jahren einen Fernseher; rund 60 Prozent verfügen über einen eigenen Computer. Führt nun unkontrollierter Konsum von Gewaltdarstellungen zu übersteigerten  Aggressionen? Nicht ohne Grund versieht man bestimmte Filme und Computerspiele mit Altersbeschränkungen. Doch in der Realität halten solche Grenzen niemanden ab. Und was verboten ist, wirkt bekanntermaßen noch verlockender.
Zudem liegt die Vermutung nahe, dass ein zeitlich unbegrenzter Konsum nicht folgenlos bleibt. Ganze Nachmittage im dunklen Zimmer vorm Bildschirm wirken  weder förderlich für den Kontakt zu Gleichaltrigen, noch für schulische Leistungen. Insbesondere wenn Gewalt ins Spiel kommt, ist Alarmstufe Rot angesagt. Denn vermeintlichen Verbrechern im Fernsehen zu zuschauen ist eine Sache. Selbst aktiv - wenn auch nur in der fiktiven Computerwelt - Menschen abzuknallen oder abzuschlachten, ist jedoch eine ganz andere.

"Big Kill"

Andererseits helfen Gewaltdarstellungen nicht vielmehr bei der Überwindung von Aggressionen, anstatt neue aufzubauen? Dienen sie nicht sogar der Vermeidung realer Gewalt? Diesen Fragen stellt sich auch die Wissenschaft. Momentan rückt ein Ende der Kontroverse noch in weite Ferne. Schließlich ist es simpel, auf den erst besten Sündenbock einzudreschen, anstatt nach den wahren Gründen zu forschen. Gerade deshalb darf das Thema nicht aus unseren Köpfen verschwinden. Unabhängig davon wie oft es in der Vergangenheit zur Debatte stand.

Denn selbst fernab diverser Forschungsergebniss steht fest: Medien üben eine unglaubliche Wirkung auf uns aus. Nach dem tausendsten Mord, nach der tausendsten Vergewaltigung sucht man nach noch brutaleren Schockern im Fernsehprogramm. Abgestumpft betrachten wir verstümmelte Leichen. Eines der größten Probleme: Wenn Grenzen sich immer weiter ausdehnen, wo führt das hin? Wenn die Kamera alles gefilmt hat, auch das letzte Tabu gebrochen ist. Schalten wir irgendwann ein und sehen uns "Big Kill" an? Live, im Container und wer als letzter überlebt hat gewonnen. Oder ist irgendwann Schluss, wird alles Alltag, langweilig?

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