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Leute & Leben

„Nicht Liebe, sondern Brot“ – Eva Mendelsson-Cohn über ihr Leben als Kind in der Nazi-Zeit

Viele können sich nicht im Geringsten vorstellen, wie es wäre, wenn die eigene Familie auseinandergerissen wird, man seine Heimat verlassen muss und einem die schönsten Jahre des Lebens einfach genommen werden. Deshalb zeigt die Katholische Akademie der Erzdiözese Freiburg bis zum 27. März die Ausstellung „Nazi-Terror gegen Jugendliche“. Sie besteht aus 130 bebilderten Infotafeln sowie einer Mediathek mit Videos, Tonaufnahmen und Schüler-Präsentationen. Außerdem gibt es Begegnungen mit Zeitzeugen, die den Nazi-Terror in jungen Jahren miterleben mussten. Eine von ihnen ist die 84-jährige Jüdin Eva Mendelsson-Cohn.

 
 

Die Nazi-Zeit aus Kinderaugen sehen: Die Zeitzeugin Eva Mendelsson-Cohn erzählt während der ersten Ausstellungstage im katholischen Hilfswerk in Freiburg, was ihr und ihrer jüdischen Familie geschehen ist, als sie noch als kleines Mädchen in Offenburg lebte.

Als Eva gerade mal sieben Jahre alt ist, wird ihr Vater nach der Reichspogromnacht 1938, bei der Synagogen angezündet wurden, verhaftet und für sechs Wochen in das Konzentrationslager in Dachau gebracht. Sechs Monate später muss er das Land verlassen und wandert nach England aus. Trotz vieler Versuche schafft er es nicht, seine Familie nach England zu holen – der Krieg kommt ihm 1939 zuvor.

Im Oktober 1940 werden die badischen Juden in das französische Lager Gurs deportiert: unter ihnen Eva, ihre Schwester Miriam und ihre Mutter Sylvia. „Wir hatten keinen blassen Schimmer, wohin es geht“, erzählt Mendelsson-Cohn. Dort mussten sie unter schrecklichen Bedingungen leben: „Man wurde krank, Leute haben gestritten, Leute sind gestorben. Wir hatten Wanzen, Ratten, allerlei Ungeziefer. Man wusste nicht, was schlimmer ist, der Hunger oder das Kratzen“, erinnert sich die 84-Jährige. „Die Mutter konnte uns nicht geben was wir brauchen: nicht Liebe, sondern Brot.“

1942 wird Sylvia Cohn nach Auschwitz deportiert und umgebracht – ihre Kinder lässt sie zurück, in der Hoffnung, dass sie überleben. „Und sie hat das Allergrößte getan, was eine Mutter tun kann: Sie ging alleine, sie wusste, sie geht in den Tod“, sagt Eva Mendelsson-Cohn. „Es war ein Ding der Unmöglichkeit, dass eine Frau mit 38 Jahren gesund vor ihnen steht, aber sie verschwindet dann plötzlich von der Erde und man weiß nicht, wo sie ist.“

Die Ausstellung der Erzdiözese Freiburg berichtet nicht nur über jene, die verschleppt und ermordet wurden, sondern auch über Widerstand und Rettung in letzter Sekunde. Eva und ihre Schwester hatten das Glück, nach 16 Monaten in Gurs mit Hilfe des jüdischen Kinderhilfwerks (OSE-Ouevre de secours aux Enfants) zu fliehen.

Ihre älteste Tochter Esther, die an Kinderlähmung litt und in einem Kinderheim in München lebte, hat damals weniger Glück: Sie wird zwei Jahre später nach Auschwitz gebracht und dort vergast.

Eva und Miriam kommen in einem Kinderheim in der Schweiz unter, sodass sie Kontakt zum Vater in England aufnehmen können. Eine Bekannte der Mutter stellt den Briefkontakt zwischen den Kindern und dem Vater her: „Dass wir die Briefe geschrieben haben, war Blessing in Disguise (Glück im Unglück). Dadurch hatten wir Ahnung voneinander“, erklärt Mendelsson-Cohn. Nach dem Krieg und sechs Jahren Trennung holt der Vater Eva und Miriam zu sich nach England, wo beide eine Highschool besuchen. „Ich wollte normal werden.“

Heute lebt Eva Mendelsson-Cohn in London und hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte ihrer Familie weiterzuerzählen: „Vergesst die Geschichte nicht. Das darf nicht wieder passieren. Setzt euch ein“, fordert sie. Die Ausstellung im katholischen Hilfswerk soll die Aufmerksamkeit darauf richten, wie selbstlos und mutig die Menschen zu dieser Zeit gehandelt haben. Für ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder.

 

Info

 

Ausstellung:

„Nazi-Terror gegen Jugendliche“ 2. Februar bis 27. März

Katholische Akademie der Erzdiözese Freiburg,Wintererstr. 1, 79104 Freiburg

 

Nächste Zeitzeugen-Begegnungen:

Do 12.3., 14.30 Uhr & Fr 13.3., 10.30 Uhr mit Edith Erbrich (Langen)

Mo 16.3., 10.30 Uhr &Di 17.3., 14.30 Uhr mit Amira Gezow (Kibbuz Elon / Israel)

 

www.nazi-terror-gegen-jugendliche.de

 
 

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