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Leute & Leben

Megatrend: wie Freiburger tätowieren

Fast jeder zehnte Deutsche hat ein Tattoo. Kritiker sagen, die Farbe ist schädlich. Das bunte Wagnis ist harmlos, sagen Tätowierer. Denn die Farbe unterliege den gleichen Bedingungen wie Lebensmittel und Kosmetik. f79-Autorin Sarah Golombeck hat sich in zwei Freiburger Tattoo-studios umgeschaut und einen Wissenschaftler befragt.

 
 

Leise Musik läuft im Hintergrund. Das hohe Summen der Tätowiermaschine erinnert an einen Schwarm Wespen. Ein Schmerz durchzuckt den Körper, als die Nadel mit schnellen, unwahrnehmbaren Stichen in die Haut fährt. Kleine Bluttröpfchen bilden sich, während die Konturen des Tattoos gestochen werden. Mit einem Tuch fährt der Tätowierer über die frischen Linien.

Seit dem ersten Boom in den 50er Jahren üben Tattoos Faszination auf die Menschen aus. Tätowierte wollen meist mehr von ihnen. Doch wieso lassen sich rund 9,1 Prozent der Deutschen freiwillig auch mehrmals mit Nadeln attackieren? „Dieser genussvolle Schmerz, der während einer Tätowierung auftritt, und der Gedanke, selber auf seinen Körper einzuwirken und so Macht über ihn zu haben, lässt viele Menschen nach mehr verlangen“, erläutert Sacha Szabo, Kulturwissenschaftler aus Freiburg. Ebenso könne der sogenannte „Flow“, wie ihn Philosophen nennen, den die Nadelstiche auslösen, sehr reizvoll sein.


„Es macht den eigenen Körper liebenswert, man beschäftigt sich mit ihm, verschönert und akzeptiert ihn“, sagt Claudia Rüd (Bild oben), Inhaberin des Rattattoo Tattoo- und Piercingstudios bei der Freiburger Schwabentorbrücke. „Hat man die Hürde zu einem Tattoo überwunden, sind die Ängste vor einem zweiten nicht mehr da“, sagt sie. Es könne Suchtcharakter haben, besonders bei Menschen, die sich schneiden, wie die 48-Jährige beobachten konnte. Sich ein Tattoo stechen zu lassen, sei eine Alternative zu den unschönen Narben. „Ein Tattoo ist auch eine Möglichkeit, einen Schmerz zu verarbeiten“, sagt Martina Necker (Titelbild), Besitzerin der Nadelwald Tattoomanufaktur in Freiburg-Littenweiler.

Da heute immer weniger Menschen körperlich arbeiten, sieht der Kulturwissenschaftler Szabo in der westlichen Gesellschaft einen „Mega-Trend“ in Bezug auf Tattoos. Ein Tattoo lasse den eigenen Körper wieder spüren. Auch Necker sieht die Popularität steigen.

Was auf der Haut verewigt wird, sollte zuvor jedoch gründlich durchdacht werden. In dem Punkt sind sich beide Tattoostudios einig. Das Alter der Tätowierten ist breit gefächert – von 18 bis 80. Unter 18 Jahren verweigern beide Studios eine Tätowierung. Rechtlich gesehen dürfen sich 16-Jährige mit Einverständniserklärung der Eltern tätowieren lassen. Das Studio muss allerdings damit einverstanden sein.

Mitte des 20. Jahrhunderts stand nur eine sehr begrenzte Auswahl an Motiven zur Verfügung, heutzutage ist alles möglich: vom Herzen auf dem Handgelenk, über die Schwalben auf dem Schulterblatt bis zum Ganzkörpertattoo.

Wie schädlich die Farbe für den Körper sein kann, ist heiß umstritten. Kritiker im Internet schockieren mit Vermutungen über Autolack sowie Industrieresten in der Tinte. Szabo tut dieses als eine „Urban Legend“ (Modernes Märchen) ab. Es sind tatsächlich nur böse Gerüchte, wie beide Tattoostudios beteuern. Die Farben unterliegen dem Kosmetik- und Lebensmittelgesetz. Was unter die Haut kommt, essen wir und schmieren uns quasi auch auf den Körper. Langzeitstudien gibt es jedoch noch nicht. Das Rattattoo und der Nadelwald machen regelmäßig stichprobenartige Farbproben vor Ort. Auch auf die Hygiene wird in den beiden Studios penibel geachtet – Nadeln werden selbstredend nur einmal benutzt, die Räume sind blitzblank sauber, und alle beteiligten Instrumente werden in Plastik verpackt.

„Ich komme seit Jahren zu Tina“, sagt eine Kundin des Nadelwalds. „Man kennt sich, die Beratung ist individuell und ehrlich.“ Hier und im Rattattoo kann man sich unter die Nadel legen und freiwillig Schmerzen zufügen lassen. Wenn die Maschine in den letzten Zügen der Tätowierung liegt – die Haut ganz wund und empfindlich – und die verbliebene nackte Haut mit Farbe ausfüllt, macht sich eine Euphorie im ganzen Körper breit. Der Schlussstich wird gesetzt. Das Tuch fährt ein letztes Mal über die frische Farbe.

Info

  • Seit Tausenden Jahren tätowieren sich Menschen – als Ritual, Schmuck oder Zeichen von Stärke.
  • Der Begriff Tattoo kommt vom tahitischen Wort „Tatau“ (Wunden schlagen)
  • Früher wurden Tattoos mit Steinen, Holz, Knochen oder Fäden in die Haut geritzt. Heute werden sie mit Nadeln gestochen.
  • Der Eiszeitmensch Ötzi war übersäht mit Tätowierungen. Er lebte vor mehr als 5000 Jahren.
  • Nazis tätowierten KZ-Häftlingen eine Nummer auf den Arm.
  • Mehr als sechs Millionen Deutsche haben heute laut einer Studie der Uniklinik Bochum ein Tattoo.

 

Hinweis: Die Autorin Sarah Golombeck ist selbst tätowiert und hat einen Kommentar zum Thema geschrieben. Den Artikel findet ihr hier: Stich mit Stil

 
 

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