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Leute & Leben

Ich bin Autist: Mein Leben als anderer

Etwa sechs bis sieben von 1000 Menschen haben Autismus. Wahrscheinlich sogar noch mehr, die Dunkelziffer ist hoch. Doch was ist Autismus? Viele denken an Savants, Menschen mit unglaublichen geistigen Fähigkeiten. Das sind jedoch Ausnahmen. Philip Meihofer, 19 Jahre jung, lebt in Freiburg und hat Autismus. Mit seinem Beitrag möchte er Vorurteile über Autismus ausradieren.

 
 

Sieht man dir gar nicht an oder merkt man gar nicht. Diese Reaktionen bekomme ich nur allzu oft, wenn ich meinem Gegenüber eröffne, dass ich Autist bin. Autismus ist eine vorurteilsbelastete Krankheit und wird von der Weltgesundheitsorganisation zu den „tief greifenden Entwicklungsstörungen“ gerechnet. Was das sein soll? Keine Ahnung, ich bin ja kein Arzt, sondern Patient. Trotzdem möchte ich versuchen klarzumachen, wie mein Leben abläuft. Ich habe übrigens „nur“ atypischen Autismus. Das heißt, ich schramme an der Grenze zwischen Normalo und Autist entlang. Ich bin weder körperlich eingeschränkt noch „kriegt“ man Autismus irgendwann. Es wird vererbt, ist also ein genetischer Fehler.


Dass viele Menschen nicht wissen
, was Autismus ist und ihn in eine Schublade mit Behinderungen wie Trisomie 21 stecken, habe ich inzwischen verdaut. Das heißt jedoch nicht, dass ich mich damit abfinde. Es ist schlichtweg keine Behinderung. Bei einem Gespräch für eine Ausbildung wurde ich ernsthaft gefragt, ob ich vor Hunden Angst habe. Generell erkläre ich Autismus so, dass man anders denkt, weil die Synapsen im Gehirn speziell verschaltet sind.


Natürlich ist Autismus weitaus
komplizierter, aber immerhin können einige sich ungefähr vorstellen, wie es ist, Autist zu sein. Ich kann nicht wirklich erklären, was Autismus für mich bedeutet, aber ich weiß, dass mein Leben anders verlaufen wäre, hätte ich keinen. Ob es besser wäre, ist mir egal. Ich bin in manchen Bereichen genauso gut oder schlecht wie normale Menschen. Ok, ich bin nicht gut im Gesichterdeuten oder Gefühleausdrücken. Aber was macht das schon? Das beeinflusst nicht komplett mein Leben. In der f79-Redaktion habe ich diesen Text geschrieben, so wie andere Praktikanten auch.


Ich wohne derzeit in einer WG
mit drei anderen Autisten. Wir lernen dort im täglichen Leben, alles auf die Reihe zu kriegen. Das heißt: viermal individuelles Denken auf engstem Raum. Es ist manchmal echt amüsant, einmal haben wir uns über die Dualität der Butterdose unterhalten. Es war lustig, aber manchmal kriegen wir uns in die Haare wegen Kleinigkeiten. Kennen das vielleicht andere? Ich denke, das ist WG-Alltag.


Also was macht uns
zu anderen Menschen? Viele denken an sozial unfähige Superbrains, wenn sie das Wort Autismus hören. An Leute, die komplette Städte nach einem Helikopterflug detailgetreu nachzeichnen. Das ist aber nur in den wenigsten Fällen der Fall. Ich habe keine Superfähigkeiten wie manch andere, bin aber recht begabt in Sachen Musik. Ich spiele fünf Instrumente und ich kann ganze Soli im Kopf erstellen, die ich definitiv nicht nachspielen kann.

Ich habe den Autismus zum ersten Mal in der Schule gemerkt. Ich wurde in eine recht gute Sonderschule gesteckt. Als es Zeit war, auf die Realschule zu wechseln, haben Lehrer und Betreuer gesagt, dass ich das nicht schaffen werde. Meine Eltern und Verwandten haben mich in dem unterstützt, was ich tat. Ich habe mittlerweile die Fachhochschulreife – mit besseren Noten als in der Realschule.


Vieles im Leben habe ich trotz
meiner Krankheit super hingekriegt. Früher wurde ich als Außenseiter behandelt, was mir irgendwie so lieber war als anders. Ich habe gerne alleine für mich gespielt und brauche auch jetzt mehr Ruhezeiten als meine Freunde. Ich bin mittlerweile 19 Jahre alt und gespannt, wohin mich mein Leben führt. Ich weiß nicht, wie viel von mir wirklich ich ist und wie viel der Autismus. Aber muss ich das denn? Ich bin zufrieden mit dem, was ich bin, ob das nun eine Behinderung ist oder nicht. Egal.


Wenn mich Leute fragen, ob ich mir ein Leben ohne Autismus wünsche, sage ich oft: Ich weiß gar nicht, wie es ist, ohne zu leben. Wie kann ich also darauf verzichten wollen?

 

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