Drucken

Schule & Projekte

Journalist sagt: “Hausaufgaben sind Unsinn“

Mancher hasst sie, andere finde sie super: Hausaufgaben. Der prominenteste Hausaufgabengegner ist der Journalist Armin Himmelrath. Er hat kürzlich das Buch „Hausaufgaben – Nein Danke“ veröffentlicht. Seine Meinung: Hausaufgaben schaffen soziale Ungerechtigkeit und sind pädagogisch fragwürdig. Abschaffen. f79-Autorin Carolin Ponick hat zwei Gymnasiallehrer der Freien Christlichen Schule in Freiburg-Landwasser dazu befragt. Sie sind geteilter Meinung. Bei ihren Mitschülern ist die Tendenz dafür eindeutig.

 
 

Armin Himmelrath hat mit seinem Buch ein heißes Eisen ins Schulfeuer geworfen. Soll man Hausaufgaben wirklich abschaffen? Seit seiner Buchveröffentlichung ist der Familienvater ein gefragter Interviewgast. Immer wieder sagt der Journalist: Hausaufgaben bringen nix. Sie sind Unsinn. So mancher Lehrer dürfte dabei einen hochroten Kopf bekommen.

Himmelrath, der unter anderem für den Spiegel schreibt, ist mit seiner Meinung nicht allein. Auch in Freiburg gibt es Kritiker. Zum Beispiel Wolfgang Lorenz (68, Bild rechts), der seit sechs Jahren Wirtschaft am Technischen Gymnasium der Freien Christlichen Schule unterrichtet. „Hausaufgaben sind immer dann überflüssig, wo sie mit Zwang verbunden sind. Zwang schafft nie ein positives und fruchtbares Lernklima“, sagt Lorenz. Er selbst gibt aus Prinzip keine Hausaufgaben. In Lernfächern wie Mathe seien sie aber wichtiger als in seinem Fach, ergänzt er.

Für den Wirtschaftslehrer machen Hausaufgaben nur in der Grundschule und Sekundarstufe Sinn. Schüler in höheren Klassen sollten den Unterrichtsstoff verinnerlichen, reflektieren und neue Ideen entwickeln. Seiner Ansicht nach sollten stärkere Mitschüler den schwächeren helfen. Wege zum selbstständigen Lernen sind für ihn eine Vorbereitung aufs Studium.

Himmelrath sagt: Hausaufgaben sind der Versuch, Stundenpläne durchzukriegen. Lorenz stimmt ihm zu. „Es gibt sicher Lehrer, die überfordert sind und das dann auf dem Rücken der Schüler kompensieren. Ich denke aber, die sind in der Minderheit.“ Er sieht weniger Überforderung als vielmehr Disziplinlosigkeit. „Lehrer schulden ihren Schülern Arbeitsdisziplin. Das heißt, Lehrer müssen sich vorbereiten, ihr Wissen permanent aktualisieren etc.“ Geschehe das nicht, kämen die Lehrer ins Schwimmen, es entwickle sich Überforderung.

Sind Hausaufgaben in den Ferien ok? „Absolut nein!“, echauffiert sich der 68-Jährige, „Ferien dienen der Regeneration und Reflektion.“ Zudem findet auch er, dass Hausaufgaben soziale Ungerechtigkeit schaffen: „Es gibt Eltern, die können es sich leisten, ihrem Nachwuchs mit Nachhilfe den ganzen Lehrstoff einbläuen zu lassen“, sagt Lorenz. „Andere Eltern können das nicht, mit der Folge, dass diese Schüler unter den ‚Rost‘ fallen. Hier entwickeln oder verschärfen sich soziale Schieflagen, die eine Schule nie fördern sollte.“

Armin Himmelrath sagt: „Überzeugende Beweise, dass Hausaufgaben etwas bringen, gibt es so gut wie gar nicht.“ Er stellt Untersuchungen vor, die zeigen, dass der Lerneffekt gleich null ist. Anja Tiedemann-Finger (29, Bild links), seit drei Jahren Lehrerin an der Freien Christlichen Schule, überzeugt das nicht. „Ich kann in meinem Unterricht nicht beurteilen, ob Kinder ohne Hausaufgaben genauso gut sind, da ich immer Hausaufgaben aufgebe.“ Stimme die Studie, würde sie trotzdem Hausaufgaben geben, um „eine gewisse Arbeitshaltung zu entwickeln“. Hausaufgaben zeigten den Schülern: „Schule ist auch ihre Arbeit und sie müssen ein bestimmtes Pensum erfüllen.“

Tiedemann-Finger ist der Meinung, dass mit Hausaufgaben gut ein Thema vertieft oder vorbereitet werden kann. Schaffen sie soziale Ungerechtigkeit? „Ich kann natürlich Qualitätsunterschiede feststellen. Diese hängen meistens damit zusammen, wie sehr sich die Kinder reingehängt haben“, sagt Tiedemann-Finger. Für sie ist der Knackpunkt eher die Motivation der Schüler, nicht der soziale Hintergrund.

Tiedemann-Finger berichtet, dass manche Schüler gerne Hausaufgaben machen. Ihre Schule nutzt neuerdings eine Online-Plattform DiLer (Digitale Lernumgebung), auf die Lehrer zum Beispiel Videos oder Extraaufgaben mit Lösungen hochladen können, um den Schülern „virtuelle Nachhilfe“ anzubieten. „Ich finde das sinnvoll, damit wir stärker individualisieren können“, sagt die Spanischlehrerin. Einen Teil der Hausaufgaben freiwillig anzubieten, findet sie gut. „Wir sind dran, es teilweise so zu machen durch diese Plattform.“

Dass alle Schüler ohne Druck effektiv eigenständig lernen, glaubt sie nicht: „Ja klar, eine eigenständige Lernform ohne Druck wäre das Optimale. Das Problem ist nur, es wird nicht für alle Kinder funktionieren.“ Hausaufgaben-Skeptiker Lorenz ist da ein gutes Beispiel: „Ich habe mein intellektuelles Potential erst an der Uni erlangt. Meine Hausaufgaben waren, wenn überhaupt gemacht, meistens grottenschlecht.“ Heute unterrichtet er selbst – ohne Hausaufgaben.

 

Mehr dazu

 

 
Kommentar(e) (0)
 

Kalender

March 2017:

Sun Mon Tue Wed Thu Fri Sat
1 2 3 4
5 6 7 8 9 10 11
12 13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24 25
26 27 28 29 30 31
 

Schlagwörter